Medien

Einfach mal verrücktes Zeug machen

46 junge Journalisten werden in Berlin mit dem renommierten Axel Springer Preis ausgezeichnet

Einfach mal über die Stränge schlagen. Verrücktes Zeug machen, rigoros neue Wege gehen – gerade weil der Journalismus genau das braucht, um sich weiter zu entwickeln und auch in schweren Zeiten weiter zu bestehen: Genau nach diesen Kriterien haben am Mittwochabend die Mitglieder der Jury des „Axel Springer Preises für junge Journalisten“ ihre Preise vergeben. Und da kann es schon mal sein, dass ein Fernsehbeitrag über das schlechte Abschneiden der Deutschen beim World Beer Cup in Chicago ausgezeichnet wird. Und da ist es richtig, dass der Mut belohnt wird, interaktiv zu erzählen: die Geschichte über eine lesbische Frauenfußballerin aus Südafrika, die vergewaltigt wurde, um wieder „auf den rechten Weg gebracht zu werden“.

Geballte Ladung von Ideen

„Gehen Sie neue Wege und zeigen Sie den Vernünftigen, wie sie funktioniert, die schöne neue digitale Welt“ – mit diesen Worten begrüßte Gastgeber Marc Thomas Spahl, Leiter der Axel Springer Akademie, den journalistischen Nachwuchs bei der festlichen Preisverleihung in der Ullsteinhalle in Berlin. Zwölf Auszeichnungen wurden in den Kategorien Print, Online, Fernsehen und Hörfunk vergeben. Und die Jurymitglieder hatten es in den Wochen zuvor nicht einfach gehabt. Hunderte hatten sich ideenreich beworben, doch am Ende waren es dann nicht selten die schon oft erzählten Themen, die überzeugten – alleine aufgrund der neuen, unkonventionellen Darstellungsformen. Insgesamt wurde ein Preisgeld von 54.000 Euro vergeben – an diejenigen, die herausragende Stücke produziert haben in einer Zeit, in der alles immer schneller, besser, günstiger gehen muss.

In der traditionellsten Form des Journalismus, der Kategorie „Print“, gab es gleich drei erste Plätze: Daniel Etters Reportage aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über einen syrischen Rebellen beeindruckte die Jury genau so sehr wie Karin Prummers humorvolle Wirtschaftsreportage „Mehr Pflück als Verstand“ aus der Wochenendbeilage der mittlerweile eingestellten „Financial Times Deutschland“. Auch „Das Knast-Kartell“ von Oliver Hollenstein aus dem Regionalteil Bayern der „Süddeutschen Zeitung“, in dem die Machenschaften der russischen Mafia in einem bayerischen Gefängnis unter die Lupe genommen werden. Aus 505 Texten hatte sich die „Print“-Jury unter dem Vorsitz von Michael Hanfeld, Leiter des Medienteils der „FAZ“ entscheiden müssen, was „keine leichte Aufgabe“ gewesen sei. Als Festredner war an diesem Abend der Berliner Stardirigent Christian Thielemann geladen worden.

Nachdem in der Kategorie „Fernsehen“ den beiden Jungjournalisten Michael Strompen und Jo Schück das Bier in ihrer Reportage „Hopfen und Malz verloren“ zum ersten Platz verholfen hatte, vergab die Jury den zweiten Platz an zehn Programmvolontäre des WDR-Jahrgangs 2011/12 für ihren Beitrag „JEIN – Was uns nicht schlafen lässt“ – ein Porträt über die „Generation Unentschlossen“. Die Juryvorsitzende Bettina Schausten bezeichnete das Stück als einen „modernen, journalistischen Hybrid“ – der „nicht immer stringent, aber überzeugend in der bildlichen Umsetzung des Themas“ sei. Roman Lehbergers „Subventionswahnsinn in Griechenland“, gesendet bei Spiegel TV im September 2012, belegte den dritten Platz.

23 Stunden Hörmaterial hatte die Jury der Kategorie „Hörfunk“ zu bewerten. Als eine Art „Wellnessbehandlung für die Sinne, ohne Bilderfluten oder hektische Schnitte oder Spezialeffekte, sondern einfach nur Kino im Kopf“ beschrieb die Juryvorsitzende Aneta Adamek diese journalistische Disziplin. Gleichzeitig ermutigte sie die jungen Journalisten dazu, im nächsten Jahr einmal mehr auf leichtere Themen zu setzen. Vollkommen überwältigt von ihrer Auszeichnung war Felicitas Reichold, die mit ihrem Stück „Irgendwie immer noch eins“, gesendet im SWR2, den ersten Platz belegte. Das Besondere: Die junge Frau thematisiert in ihrem Artikel ihr Leben als Zwillingsschwester. Der Beitrag entstand während einer Hospitanz – mit nur wenig journalistischer Vorerfahrung.

Mutig neue Wege beschreiben

Beeindruckt war die Jury auch von Till Krauses Stück „Smartphone-Spionage“, in dem er die negativen Seiten der technischen Entwicklung in Augenschein genommen hatte. Eine kritische Bemerkung bei der Preisübergabe konnte er sich nicht verkneifen: „Es ist nicht nur unsere Aufgabe zu überlegen, wie wir unsere journalistischen Inhalte auf das Smartphone bringen“, so der Preisträger. „Wir müssen auch weiterhin kritisch hinterfragen, was diese Entwicklung mit sich bringt.“ Doch genau darauf, auf den technischen Fortschritt und die damit einhergehende Vielfalt journalistische Produkte zu entwickeln, zielt die Kategorie „Internet“ ab. Vorsitzender der Jury in der Kategorie „Internet“ war in diesem Jahr zum ersten Mal Deutschlands Twitter-Chef Rowan Barnett, der sich in seinen Eingangsworten selbst zitierte und „Internet-Redakteure als Könige in der journalistischen Disziplin“ bezeichnete. Man müsse seine Arbeit mit magischen und interaktiven Möglichkeiten aufbereiten, um noch besser zu sein als journalistische Produkte auf Papier, im Fernsehen und im Radio. Man müsse „experimentierfreudig“ sein, „mutig neue Wege beschreiten“ und stetig im Kopf behalten, dass nicht allein die Idee zählt, sondern die Umsetzung.

Und genau diesen Experimentiergeist haben die Mitglieder der Jury besonders beim Stück „Nicht von Gott gewollt“ von Amrai Coen und Bernhard Riedmann gesehen. Die beiden Journalisten haben sich getraut, ihre Reportage über eine südafrikanische Fußballspielerin, die dem Phänomen des „corrective rape“ zum Opfer gefallen ist, multimedial aufwendig, fast spielerisch und dennoch nicht die Ernsthaftigkeit des Themas schmälernd für das iPad aufzubereiten.

Besonders stolz zeigte sich Marc Thomas Spahl darüber, dass es auch Preisträger aus dem eigenen Haus gibt: Team 11 der Akademie belegte mit ihrem Projekt „ZOOM – Berlin“ den zweiten Platz in der Kategorie Internet – der Rubrik, die in der Journalistenschule besonders im Fokus steht.

„Wir haben gesehen, dass multimedial erzählte Geschichten mit ganz neuen, eigenen Akzenten immer raffinierter werden“, so Spahl. „Aber wir sehen auch, dass sich das journalistische Handwerk gar nicht so stark verändert: Neugierige Journalisten, die kritisch recherchieren und spannend erzählen, sind das Fundament und die Zukunft unseres Geschäfts.“