Roman

Im Metaphernrausch: Thomas Martinis „Der Clown ohne Ort“

Eine Überforderung, eine Zumutung, manchmal ein notwendiges Übel ist dieses Leben für Naïn. Eine Zumutung ist zuweilen auch dieser Roman – er will es gar sein. Eigentlich könnte Naïn einer dieser leichtfüßigen wie beneidenswerten akademischen Karrieredurchstarter sein: Studium in Berlin und Bayreuth, hoch qualifizierter und intelligenter Kosmopolit, Assistenz bei einem Bundestagsabgeordneten, Festanstellung noch während des Studiums und das Angebot, im Europaparlament zu arbeiten. Psychisch labil und genusssüchtig, fällt er jedoch von der Karriereleiter. Was folgt, ist der Absturz in die Drogen- und Partylandschaft Berlins, denn „der Wahnsinn hat Methode“.

„Der Clown ohne Ort“, der Debütroman des 1980 geborenen Thomas Martini, wechselt zwischen halluzinierenden Traumphasen und Rauschzuständen, zwischen „Klarsicht“ und Erinnerungsfetzen an eine Vergangenheit mit Frauen namens Lisa und Amaia in Barcelona. Seine Göttinnen, seine Verzweiflung. „… in der Versuchung, nach, nach, hin, mitgeben, nehmen und stehlen, sich verschenken, lachend die göttliche Komödie begrüßen, sag Hallo!, mein Schatz! Komm! Spring mit ins Sein!“ Naïn springt voll rein ins Sein, in sein Verderben und dann nur knapp dem Tod von der Schippe.

Und gleichzeitig versucht man als Leserin, dieser Erzählung irgendwie Herr zu werden. Den unkanalisierten Fluss an Worten aufzunehmen und den roten Faden zu finden. Dabei sind es gleich zahllose rote Fäden, die chaotisch herumliegen – philosophische Fragen nach dem Kern des Subjekts, idealistische Vorstellungen einer basisdemokratischen Gesellschaft und kindliche Fantasien einer Welt als Manege. Das ist fast schon ein Knäuel roter Wolle. Das Lyrische in Martinis Roman verstört deswegen, weil es die Enden dieses Knäuels nicht versengt und verbindet, sondern ausfasern lässt. Da ist das Schaf, da sind die Mütze, die Oma, die Drogen, der Sex, all diese Frauen mit nur einem Buchstaben. Alle so unverwechselbar wie austauschbar.

Was bleibt, nachdem dieses Feuerwerk der Postmoderne abgefackelt wurde? Vor allem der fade Beigeschmack einer überkandidelten Pose. Martinis Protagonist Naïn scheint dann nur noch das Abziehbild eines der Welt müde gewordenen Junkies zu sein. Einer, der lieber das Feeling einer prekarisierten Kulturhochburg genießt, als weiterhin die Kapitalismuskarriereleiter hinaufzuklettern. Vielleicht muss man diesem Roman aber auch einfach einen ironischen Unterton zugestehen. Dann ließe er sich verstehen als drogenverklärter, zynischer Abgesang auf all die Hipster und das zum angesagten Ton gehörende Gutmenschentum, das der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Thomas Martini: Der Clown ohne Ort. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main. 253 Seiten, 19,90 Euro