Literatur

Das harte Herz von New Orleans

Lew Griffin heißt der Detektiv in James Sallis’ Romandebüt „Stiller Zorn“

New Orleans. Früher einmal Nouvelle Orléans. Der Name dieser Stadt weckt bei fast jedem Menschen auf der Welt unscharfe Assoziationen, die sich aber überall ähneln: kauzige Schwarze, die in den Straßen Jazz spielen, ein träger Fluss, an dessen Ufern träge Menschen wohnen, ein Hauch von französisch-katholisch-afrikanischem Laisser-faire in einem weißen protestantischen Land. Ein irgendwie unamerikanischer Ort in Amerika.

Es gehört zu den nicht geringen Kunststücken, die James Sallis in seinem Romandebüt „Stiller Zorn“ fertig bringt, alle jene Klischees erst zu zerstören und sie danach ganz neu aussehen zu lassen. Bei Sallis bleibt wenig übrig vom lässigen Charme der alten Kreolenmetropole, stattdessen zeigt er die Stadt als einen immerfort sich selbst fortzeugenden Moloch, dessen Antlitz bestimmt wird von jede Menschlichkeit zerstörenden Drogen, gemein machender Armut und als selbstverständlich hingenommener Prostitution – nur wenn es Kinder sind, die ihre Körper verkaufen, kann sich James Sallis’ Protagonist, der Detektiv Lew Griffin, überhaupt noch darüber aufregen.

Dieser Moloch verschlingt die Dummen genauso wie die Schlauen. Wenn James Sallis nichts Besseres zu tun hätte, als sich mit der deutschen FDP zu beschäftigen, dann könnte man glauben, „Stiller Zorn“ sei ein wütendes Manifest gegen die hierzulande unter Liberalen verbreitete Ansicht, es müssten nur alle gebildet sein, dann würde sofort das Paradies auf Erden ausbrechen. Bildung hilft den Menschen in Sallis’ Roman überhaupt nicht, sich aus der Lebensform namens New Orleans zu befreien.

Lew Griffin hat sich auf dem College eine literarische Bildung angeeignet, aber das macht ihn nur noch melancholischer. Sein erster Literaturprofessor hat sich aufgehängt. Die Szene, in der lakonisch geschildert wird, wie Haken und Strick aus der morschen Rigipsdecke rissen, der Akademiker sich aber einerseits schon den Kehlkopf zerquetscht und anderseits beim Sturz auf den Wannenrand das Rückgrat gebrochen hatte, gehört zu den vielen traurig-bösen Glanzlichtern des Romans. Lew Griffin führt in diesem Buch mehrere Leben, bekommt immer wieder neue Chancen – und auch das Buch wird jetzt zum zweiten Mal geboren. Das erste Mal kam „Stiller Zorn“ 1999 auf Deutsch heraus, unter dem Titel „Die langbeinige Fliege“, der eine einwandfreie Übersetzung des originalen „The Long-legged Fly“ war.

Wenn der DuMont-Verlag das Buch nun noch einmal als „Stiller Zorn“ herausbringt, dann hat das wohl damit zu tun, dass die Verfilmung seines Romans „Driver“ Sallis auch außerhalb der zwar großen, aber doch inzestuös abgeschlossenen Krimiszene berühmt gemacht hat. Egal, Lew Griffin hat alle Aufmerksamkeit verdient, ganz gleich aus welchen Quellen sie sich speist.

James Sallis: Stiller Zorn. Aus dem Englischen von Georg Schmidt. DuMont, Köln. 192 Seiten, 8,99 Euro