Historisches

Julia Kissina bannt die Geister ihrer Kindheit in Kiew

„Bei Onkel Philip war alles westlich“. Das Mädchen ist zwölf, sie betritt zum ersten Mal eine solche „antisowjetische“ Wohnung: Hier gibt es einen Vorhang aus Bambusschnüren, der die Mutter bereits beim Eintreten streift wie die Botin einer fremden Welt. Onkel Philip kredenzt chinesischen Wodka und Havanna-Zigarren; seine Frau Tamara hat sich die Fingernägel im Marmorlook manikürt („Man sagt, in Lemberg ist das jetzt schwer in Mode“); Onkel Philip spielt Chopin, während der Vater ängstlich nach Wanzen der Staatssicherheit Ausschau hält.

Diese späten Siebzigerjahre müssen eine furchtbare, bleierne Zeit im Ostblock gewesen sein. Doch in Julia Kissinas Roman erscheint die späte Breschnew-Ära in Kiew zugleich als ein fiebrige Epoche der Gärung und Umwälzung. Die 1966 geborene, heute in Berlin lebende Autorin gehörte in den Achtzigerjahren zum Kreis der Moskauer Konzeptualisten um Vladimir Sorokin. In der Perspektive des pubertierenden Mädchens leben die verfallenen Reste der vorrevolutionären Vergangenheit mit den sozialistischen Mythen vom Partisanenkrieg und Kosmonautik Tür an Tür. Während die Bagger den Altstadtvierteln den Garaus machen, träumen sich die Menschen in Epochen zurück, in denen Individualismus und Exzentrizität nicht unter politischem Generalverdacht standen. Versatzstücke christlicher Religiosität stehen neben bäuerlichem Aberglauben. Die Rationalitätswahn des Marxismus gebiert eigene Ungeheuer. Ausgerechnet die befreundete Dozentin für wissenschaftlichen Kommunismus nimmt per Geisterbeschwörung Kontakt zu Garibaldi und Karl Marx auf, um sich das Schicksal vorhersagen zu lassen.

Die Alten sind noch vom Krieg traumatisiert, die Jungen suchen Fluchtwege: „An Gruselgeschichten gab es wahrlich keinen Mangel: alle hatten eine blutig-hungrige Maschinengewehrkindheit gehabt, die sich nicht ausradieren oder vergessen ließ. Nun wollten sie sie ausspucken und die eigene Vergangenheit für immer abschütteln, indem sie sie gewissenlos den anderen aufbürdeten“. Eine der wiederkehrenden Geschichten, die diesen Episodenroman zusammenhalten, ist die des „Deutschenflittchens“ Vera, inzwischen einer sterbenden Greisin, die ihr uneheliches Kind nach Niederlage der Wehrmacht umgebracht haben soll. Später tauchen zwei Frauen auf, die ihre Tochter sein wollen. Wo die Geschichte im Nebel der Mythen versinkt, wird die Herkunft zum Rätsel. Die Grenze zum Totenreich ist fließend in diesem Kiew, weil dem kindlichen Blick ein endgültiges Verschwinden ohnehin unbegreiflich ist. So gehen Gespenster um in der Ukraine: die Gespenster des Stalinismus einerseits, die der Zarenzeit andererseits.

Julia Kissina: Frühling auf dem Mond. Suhrkamp, 18,95 Euro