Ratgeber

Das Geheimnis der Wut

Der dänische Erziehungsguru Jesper Juul verteidigt in seinem neuen Buch kindliche Aggression

Die Schriften des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul lesen sich, als würde in ihnen ein erfahrener und renommierter Familientherapeut mit erwachsenen Menschen über deren Kinder sprechen. Doch in Wahrheit vollzieht sich unter der Tarnung pädagogischer Ratschläge etwas anderes – die Sprachwerdung von Kindern, die als schwierig gelten, also tendenziell von allen Kindern. Juuls Bücher, Bestseller, kultisch verehrt und leider dennoch zu selten beherzigt, sind eine Art Übersetzungsmaschine, in die Kinderverhalten eingespeist wird, um für Erwachsene verständliche Sätze auszugeben, immer wieder zur Verblüffung und viel zu oft zur Beschämung ihrer Adressaten: Ach, das wollten die Kleinen uns sagen.

Das Angenehme dabei: Juul tut nie so, als wäre er ein Anwalt der Kinder, wirft sich nicht in die Pose dessen, der für die Kinder spricht und für sie eintritt. Sondern er bleibt in der Redeweise dessen, der als Experte Erkenntnisse vorträgt und Interpretationsvorschläge macht, eben so, wie Erwachsene es gerne haben und womit sie etwas anfangen können. Ein hervorragender Trick. In Wahrheit aber wohnen in diesem dicken, gemütlich wirkenden Mann die Stimmen von Kindern, die sich seinen Körper und seinen Nimbus ausgesucht haben, um den Erwachsenen ein paar wichtige Durchsagen zu machen, die ohne Übersetzung unverstanden blieben.

Selbstbeherrschung wird gefordert

Sein neues Buch handelt von der Aggression, etwas, das Erwachsene ihren Kindern unbedingt austreiben wollen, weil ihnen kindliche Aggressionen als höchst bedenklich und gefährlich gelten. Konfliktlösungsstrategien, Selbstbeherrschung, die Unterdrückung von gewalttätigen Impulsen gehören zu den Grundtugenden, die die zeitgenössische Pädagogik ihren Schutzbefohlenen vermitteln will, so sehr, dass Kinder, die zu häufig gegen sie verstoßen, schnell als toxisch gelten, isoliert, therapiert oder gar medikamentiert werden. Das Nachlässige, oft genug auch Grausame dieser Haltung: Es handelt sich, wieder einmal, um ein Reden über Kinder und über ihre Köpfe hinweg. Statt um einen Versuch, mit ihnen darüber zu reden, was sie vielleicht ausdrücken wollen, wenn sie sind, was Erwachsene „aggressiv“ nennen.

Würdet ihr bitte damit aufhören, ständig über uns nachzudenken, würden die aggressiven Kinder möglicherweise sagen, wenn sie es könnten. Und uns stattdessen zuhören? Wie wäre es zur Abwechslung einmal mit der Frage: Was macht dir Sorgen? Oder: Was stört dich gerade? Vermutlich könnten wir darauf keine erwachsene Antwort geben, wir sind es ja nicht. Aber gefragt zu werden gäbe uns das Gefühl, dass ihr euch für uns interessiert, dass wir Bedeutung für euch haben. Dummerweise nämlich sind wir Kinder sehr darauf aus, für euch wichtig zu sein, von euch gemocht zu werden. Und zwar, wie wir sind. Ihr aber sagt uns viel zu oft, wie wir sein sollen. Und wie wir werden sollen, irgendwann, in hunderttausend Tagen, wenn wir endlich begriffen haben, worauf eure Ermahnungen, Unterstützungen, Sorgen aus sind. Aber wir leben jetzt. Wir wollen jetzt, in diesem Augenblick, wichtig für euch sein. Wir haben jetzt, in diesem Augenblick, unsere Gefühle.

Viel zu oft sind euch diese Gefühle nicht recht. Wir haben sie dennoch. Ihr könnt sie uns nicht so ohne Weiteres abschwatzen. Öfter als ihr glaubt, haben wir zum Beispiel keine Lust, in den Kindergarten zu gehen, mit Kindern spielen oder vor Mittagessen sitzen zu müssen, die wir nicht leiden können. Oder weil es dort immer so laut ist. Haben wir denn die Pflicht, Lust zu haben auf alles, was ihr euch ausdenkt für uns? Ganz ehrlich: Was ihr mit uns anstellt, ist oft genug viel aggressiver als das Hauen, Schlagen und Toben, das euch so viele Sorgen macht. Aber das bekommt ihr nicht mit. Weil ihr diese Erwachsenensprache beherrscht, die die Fassung nie verliert. Und diese Selbstgerechtigkeit, immer genau zu wissen, womit wir uns wohlfühlen und womit wir uns nicht unwohl fühlen dürfen. Wie würde es euch in unserer Lage gehen?

Schlagen ist einfacher

Außerdem sind wir Himmelherrgott noch einmal Kinder. Es gibt für uns unendlich viele Gründe, wütend, zornig, sauer, aggressiv zu sein, viel mehr als für euch. Euch sagt niemand, dass ihr nicht auf diese Schaukel dürft, weil ihr das noch nicht könnt, oder abends nach Hause müsst, weil es zu gefährlich ist. Euch sagt niemand, dass ihr essen sollt, auf keine einzige dieser unendlich vielen Weisen, wie ihr uns sagt, dass wir und was wir essen sollen. Für uns ist das Leben sehr viel häufiger sehr viel frustrierender als für euch, ihr könnt es uns noch so idyllisch gestalten. Wäre es euch lieber, wir würden unsere Wut immer hinterschlucken, uns nicht anmerken lassen, wie mistig wir es finden, dass es so viele Widerstände gibt? Manchmal kommt es uns vor, als ginge es euch bloß darum.

Wir können noch nicht stundenlang diskutieren, mit all den vernünftigen Erwachsenenwörtern hantieren. Ihr habt vergessen, wie kompliziert es ist, die Stimmbändermuskeln zu beherrschen. Wir schaffen das noch nicht, tut uns leid. Wir können manchmal nur beißen. Oder schlagen. Bis zu einem bestimmten Alter bleibt uns oft gar nichts anderes übrig. Wir wollen damit etwas sagen, das wir anders nicht sagen können. Aufs Weinen und Nerven und Quengeln und Still-Werden habt ihr ja nicht reagiert. Also sind wir aggressiv. Wenn wir gewusst hätten, dass uns das auch nichts nützt, hätten wir es unterlassen. Denn jetzt macht ihr euch wieder Sorgen um uns. Und uns zu Leuten, über die man sich Sorgen machen muss, an denen etwas falsch ist, für die ihr euch viel weniger interessiert als für die Störungen und Unbequemlichkeiten, die von ihnen ausgehen. Ihr könnt so schlecht lügen. Glaubt ihr tatsächlich, wir bekommen nicht mit, wie häufig ihr euch von uns abwendet?

Von uns aus dürft ihr übrigens gerne wütend sein. Oder uns anpflaumen. Wir würden es verstehen können. Manchmal geht man einander auf die Nerven, manchmal ist man müde von einander, manchmal will man in Ruhe gelassen werden. Wir jedenfalls würden lieber von euch in Ruhe gelassen werden als mit euren Sorgen über unseren Charakter, unsere Psychologie, unsere Entwicklung belagert. Ihr macht uns das alles schwerer, wenn ihr so seid. Entspannt euch doch! Dreht nicht jedes Mal durch, sobald wir einen Wutanfall haben oder etwas zertrümmern. So etwas passiert. Aber wenn es euch zu sehr aus der Ruhe bringt, dann fragt uns doch einfach. Mit einer Haltung des Neugierigseins und des Nicht-schon-Bescheid-Wissens.

So ungefähr würde sich Jesper Juuls Buch lesen, sprächen aus ihm tatsächlich die Stimmen aggressiver Kinder. Doch der Mann hat genügend Erfahrungen mit der Erwachsenenwelt, um zu wissen, wie schwer sich Erwachsene mit der Vorstellung tun, man könne mit Kindern Dialoge führen. Deswegen spricht er zu ihnen auf seine Weise, als Kinderübersetzungsprogramm. Danach müssen seine Leser es nur noch schaffen, den Übersetzer zur Seite zu schubsen, damit ihnen niemand mehr im Weg steht, wenn sie damit beginnen, sich mit den Kindern zu unterhalten.

Jesper Juul: Agression – Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. S. Fischer, 16,99 Euro.