Comics

Neue Bilder für eine neue Stadt

Wandrille Leroy ist Verleger für Comics, mit Sitz in Paris. Dann hat der 36-Jährige den Sprung nach Berlin gewagt – und ihn nicht bereut

Mit Anfang Dreißig bekam der Pariser Verleger Wandrille Leroy Lust auf Anderes. Da sagte ihm ein deutscher Freund, dass er doch nach Berlin ziehen solle, dort hätten die Leute denselben Humor wie er, er würde Deutsch sprechen, sein Verlag hätte einen deutschen Namen und außerdem wäre es dort im Gegensatz zu Paris nicht teuer. Über den Internet-Vertrieb würde sich alles problemlos regeln. Das klang für Leroy überzeugend. Er nahm sich vor, mindestens ein Jahr in Berlin durchzuhalten, inzwischen sind es drei Jahre geworden.

Nach seinem Studium an der Pariser Kunsthochschule „École nationale supérieure des Arts Décoratifs“ hatte er 2004 mit Benoît Preteseille den Verlag Warum und 2008 den Verlag Vraoum gegründet. Bei Warum erscheinen Graphic Novels und erzählerische Experimente und bei Vraoum Online-Comics und Zeitsatire. Anfangs dachte er nicht daran, sein Geschäft als Comic-Verleger auf den deutschen Markt auszuweiten. Leroy träumte zwar davon, Berliner Autoren kennenzulernen und ihre Comics herauszubringen, aber für den französischen Markt. Auf der anderen Seite versuchte er, Bücher aus seinem Programm bei deutschen Verlagen unterzubringen. Aber eine Lizenz konnte nur von Bastien Vivès‘ Band „Das Gemetzel“ verkaufen, der im vergangenen Jahr bei Reprodukt erschienen ist. Er zog also durch die Stadt und bot Buchhandlungen, die französische Titel führen, seine Bücher an.

„Ein offener Markt“

Wandrille Leroy hat den Eindruck, dass Leser in Deutschland den Entwicklungen im Ausland gegenüber aufgeschlossener sind als französische. „Neben Mangas liest man dort nur französisch-belgische Produktionen. In Deutschland habe ich Projekte von algerischen, kubanischen, polnischen und anderen Autoren entdeckt. Der deutsche Markt ähnelt dem französischen vor fünfzehn Jahren: Eine breite Öffentlichkeit entdeckt, dass Comics nicht nur etwas für Kinder sind. Der Markt hier ist sehr offen und trotzdem ist ihm die Tradition wichtig: Was will man als Verleger mehr?“

Zu den Buchhändlern, die die Bände von Warum in ihrem Laden ausgestellt haben, gehört Micha Wießler, der Geschäftsführer von Modern Graphics in Kreuzberg. Er ermunterte Wandrille Leroy schon vor einiger Zeit dazu, seine Bücher übersetzen zu lassen, weil er vor allem in Berlin ein Publikum dafür sieht. Leroy ist nun dabei, zwei seiner Bestseller auf Deutsch herauszubringen. Davor war er zwei Jahre damit beschäftigt, einen deutschen Vertrieb zu finden. „Das war schwer. Ohne Annette Köhn vom Neuköllner Jaja Verlag hätte ich ihn mit Sicherheit nicht gefunden. Sie hat mich ins Boot geholt, als sie einen Vertrieb für ihre eigenen Bücher suchte. So habe ich die Leute von indiebook kennengelernt.“ Durch den Münchener Dienstleister für unabhängige Verlage sind die Bücher des Warum-Verlages auch in Deutschland erhältlich. Nun lässt Leroy den zweisprachigen Band „Frontlinien“ erscheinen, seine erste Publikation, die sich direkt auch an deutsche Leser richtet.

Originaltext aus Feldpostbriefen

In „Frontlinien“ gibt es zwei Hälften, die sich gleichen, eine auf Deutsch, eine auf Französisch. Sie treffen sich in der Mitte. Die „Frontlinie“ verläuft aber nicht zwischen diesen beiden Fassungen, sondern zwischen Bild und Text: Die expressiven, fotorealistischen Schwarzweißbilder zeigen, wie ein deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg den Kampf erlebt, der Text setzt sich aus originalen Feldpostbriefen zusammen, in denen französische Soldaten für ihre Familien ihre Sicht des Krieges beschreiben. Die beiden deutschen Autoren David Möhring und Philip Rieseberg wollen damit zeigen, dass es im Krieg zwar zwei Seiten gab, die Gegner aber gemeinsam darunter litten.

Im Portfolio des Warum-Verlages sind mehr unterschiedliche Genres vertreten als bei den meisten deutschen Verlagen: Geschichtslektionen wie bei Frontlinien, typisch französische „Mädchen-Comics“ wie „Moi je“, Persiflagen wie die „Psychoanalyse der Superhelden“, Cartoon-Sammlungen mit einem dreckigen Humor wie „Fernand, der Eisbär“ oder zeichnerische Glanzstücke wie der rein assoziativ erzählte Comic „Mu“ von Guillaume Aventurin. Das Niveau der publizierten Arbeiten schwankt deutlich stärker als bei arrivierteren Verlagen, trotzdem muss man die Bandbreite des Programms bewundern. „Mu“ und „Fernand“ sollten bald auch deutsche Leser finden, da sie rein visuell funktionieren.

Falls sein Markteinstieg Erfolg versprechen sollte, würde Leroy weitere Bücher übersetzen lassen und gleichzeitig junge deutsche Autoren der neuen Generation rausbringen, die in Deutschland keinen Verlag finden und in das Profil seiner beiden Verlage passen. „In Frankreich ist die Comic-Szene sehr groß, in Deutschland ist es hingegen ein kleiner, aufstrebender Zirkel. Das ist aber genauso aufregend. In Berlin gibt es etwa diese junge Generation, von der Mawil so etwas wie das Zugpferd ist. Wir treffen uns jeden ersten Montag im Monat bei Renate.“ Beim monatlichen Stammtisch in der Comicbibliothek Renate in der Tucholskystraße in Mitte treffen sich Comicbegeisterte und Comicmacher.

Es ist natürlich nicht die reine Liebe zu Berlin, die Wandrille Leroy dazu bewogen hat, seinen Verlagssitz nach Deutschland zu verlegen: Hier sind für Comic-Verleger die Chancen größer, auf dem Markt zu bestehen. „In Frankreich herrscht eine enorme Überproduktion. Jährlich kommen vier- bis fünftausend Neuheiten heraus. Selbst bei einer sehr großen Leserschaft wie in Frankreich bleibt Übersättigung nicht aus. In den Buchhandlungen fehlt der Platz und selbst wenn die Bände dort ausgestellt werden, fliegen sie nach einem Monat raus.“

Leroy ist in Berlin nicht nur als Verleger unterwegs. Nach wie vor schreibt und zeichnet er humoristische Comicserien. Zusammen mit dem Fotokünstler und Musiker Marc Seestaedt organisiert er die „Comicinvasionberlin“. Die jährliche Comic-Messe fand im April zum dritten Mal statt. Trotz der schwierigen Anfangsphase („Es wird einem Franzosen nicht leicht gemacht, Deutschland zu erobern.“) sieht Leroy sich auf einem guten Weg: „Es macht einfach Spaß, sich auszuprobieren!“