Tanzprojekt

Puppen und Elefantendung – im Dunkel der Ruine

Norbert Bisky und das Staatsballett bespielen die neue Halle des Berghain mit „Masse“

Sehr komisch, das. Ein Gutteil der Reputation des Berghains kommt allein vom Hörensagen. Das war und ist beim New Yorker Studio 54 oder dem Münchner P1 nie anders gewesen. Nachtclubs sind offenbar in unserer mythenlosen Zeit die einzigen Sehnsuchtsorte, die es noch gibt, wo man doch überall hinfliegen und sich – theoretisch – alles kaufen könnte. Nur die jeweiligen Türsteher eben (angeblich) nicht.

Im Berghain-Fall kommt noch hinzu, dass sich alle noch nicht drin Gewesenen vorstellen, hinter der dicken Eisentür gehe etwas ab, was man sich nur als Steigerung von Sodom, altem Rom, Pariser Bordell und eben dem Zwanziger-Jahre-Berlin vorzustellen hat: Tanz, Drogen, Sex, Freiheit. Flow forever.

Davon profitiert natürlich der längst zur Legende erklärte Club, der wiederum beständig seinem Ruf gerecht werden muss. Und diesen dank der Hochkultur, die sich von dessen öffentlichkeitsscheuen Machen gern eingeladen lässt, noch weiter würzt. Seit Jahren schon veranstaltet die Universal hier als Werbeveranstaltung die Classic-Club-Konzerte Yellow Lounge. Das Staatsballett hat schon mal gastiert und auch die Komische Oper.

Steigerung ist immer möglich. In der ehemaligen DDR-Heizkraftwerkshalle nebenan, die ursprünglich mal für eine kulturelle Dauernutzung geplant war, gibt es nun einen neuen Berghain-Tanzabend – mit dem ersten Bühnenbild des nach wie vor angesagten, hübsche Jungs malenden Norbert Bisky. Alle elf Vorstellungen sind längst ausverkauft.

Die Enttäuschung folgt auf den Fuß. Die an sich imposante Industriekathedrale mit 17 Meter hohen Wänden und alten Kesseltrichtern aus Beton ist kaum erfahrbar, weil nur ein kleiner, enger Teil bespielt werden kann. Abgesehen von einem hübschen Plakat ist auch der bildnerische Beitrag des neuerdings sich mit Installationen ausprobierenden Bisky herzlich überflüssig: Ein zum offenen Kreis sich rundendes Altkleider-Arrangement beim Aufstieg, eine schwarze Spielfläche als Teerbeet mit Rutsche hinten und Zungen vorne. Dazu links ein Elefantendunghaufen, darüber ein sich schlängelndes, erst im Finale zum Einsatz kommendes Lichtobjekt aus Blech und rechts ein halbierter, schrägstehender BVG-Bus, der ausgeschlachtet und schwarz besprüht wurde. Er steht da und hindert eher beim Tanzen.

So reduziert sich die ganze Aufgeregtheit schnell wieder auf das, was es ist: ein Abend junger Choreographen zum Titelthema „Masse“, gewaltig anspruchsvoll in seinem Theorieballast, den keiner der drei Probanten so richtig künstlerisch bewältigt. Gruppentänzerin Xenia Wiest gibt sich in „Quinque Viae – Dynamics of Existence“ verbal verblasen, lässt mittels eines Masters die Puppen hektisch tanzen, nennt diese Atoms, Individuals, Static Ideology und Chaotic Creativity – und bekommt nicht einmal die Dramaturgie ihrer verschnippselten Einzelszenen in den Griff.

Da treten Einzelne und Paare auf und ab, es blitzt, es dampft. Am Ende ziehen sich alle ihre Alltagskleider an und sind – plappernde Menschen.

Ballerina Nadja Seidakova lässt es hingegen in „Boson“ ruhig angehen, gelangt aber nicht über die gymnastische Menschwerdung hinaus. Man windet sich aus einem Bodentuch unter dem Bisky-Bus, aus dem später Wachs als Ölersatz zäh tropft. Acht bleichgeschminkte Protagonisten verrenken sich zeitlupenlangsam in grauen Ganzkörperanzügen. Nirgends findet sich die vorher oft beschworene Apokalypse im nur leise wummernden Technogewitter: Man sieht höchstens ein paar Ruinenbaumeistern beim Powackeln zu.

Den Anspruch des Abends trägt dann doch noch, als einziger Profichoreograph, Tim Plegge mit „They“ in die Zielgerade. Nicht nur hat ihm Berghain-DJ Henrik Schwarz eine echte Partitur komponiert. Die wechselt die Rhythmen und die Orchestrierung, gibt sich sogar melodisch, schlägt Bögen.

Tim Plegge kann dies gliedern, dazu Bewegungen finden, diese variieren, etwas erzählen. Auch er beschränkt sich letztlich auf den immer wieder schönen Gegensatz von Einzelnem (auch als Paar) und Gruppe. Seine neun Tänzer wirken ausdrucksstark, besonders im Pas-de-Deux-artigen Schlussteil mit Shoko Nakamura und Michael Banzhaf. Plegge bleibt auf dem Tanzboden. „Masse“ ist bei ihm nichts Gefährliches oder Bedrohliches, sondern nur ein physikalischer Zustand, mit dem man umgehen muss. Sein Stück hat so als einziges Bestand – auch ohne jeden vordergründigen Berghain-Ruch. Und so geht man dann doch künstlerisch einigermaßen gesättigt von dannen, während die harten Kerle der Nacht am echten Eingang ihre letzten Vorbereitungen für ganz andere Aktivitäten treffen.