Auszeichnung

Die Einsamkeit eines „fantastischen Riesengottes“

Berliner Theaterpreis für Schauspieler Jürgen Holtz

Da steht ein Halbjahrhundert Theatergeschichte auf der Festspielhaus-Bühne: Jürgen Holtz. Ein bisschen wackelig und mit Stock; denn die Zeiten im geteilten Land haben ihn hin und her gerissen, ihm übel mitgespielt – wie auch seine vielen Rollen. Denn Holtz war nie bloß Zuschauer oder Mitmacher. Er hat sich stets und wo auch immer und mit störrischer Lust gegen alle Zwänge gestellt; ob politische, finanzielle, ästhetische. Das zehrt, bringt Leid, das kann auch stark machen – auch wenn man mit dem Stock nachhelfen muss. Das Glück großer Kunst kriegt man nicht zum Nulltarif. Kunst sei Kärrnerarbeit, davon hat uns der große Schauspieler Jürgen Holtz in seiner Danksagung für den Theaterpreis (20 000 Euro) der Stiftung Preußische Seehandlung einiges erzählt.

Es wurde eine von Wut und Bitterkeit durchwehte, vermächtnisstarke Rede. Es ging um den zunehmenden Abfall vom Glauben an die Kraft des Theaters, an die spielerische Fantasie, an die Wucht der Sprache. Skeptizismus sei die moderne, gefällige Religion, wachsende Sinnentleerung unser Daseinszustand. „Wir tanzen nicht mehr im Theater, wir tanzen nur noch auf ihm herum.“ Auf den Akademien lernten Regisseure und Dramaturgen, dass Stücke nichts mehr taugten: Eine alles Talent vernichtende „Seuche“. Kunstvernichtung, Theaterzerfall, ästhetisch geduldet. Theaterabbau politisch initiiert. Holtz hackt dagegen, schon immer. Dagegen beschwört er „seine“ Toten: Adolf Dresen, Heiner Müller, Einar Schleef, den Brecht, die Weigel, die Ghiese. Holtz sieht sich als deren einsamer Erbe. Stehender Beifall.

Selten geschah es, dass die Feier eines Preisgekrönten so schwer war vom Klagen und Fragen. Dennoch kam Freude auf: Als Corinna Harfouch Holtz‘ Lieblingsmärchen von des Kaisers neuen Kleidern vorlas und Klaus Maria Brandauer eine trotzig zärtliche Liebeserklärung stammelte. Und Hermann Beil mit Goethe gratulierte, der den rechten Spieler einen „fantastischen Riesengott“ nannte. So sei Holtz, ob Hamlet, Motzki oder Firs im „Kirschgarten“. Ein seliger Moment der Schönheit schließlich Angela Winklers Lied „Im wunderschönen Monat Mai…“ – Und auf die kecke Frage, wenn Holtz (81) noch eine freie Gruppe gründete, wie er sie nennen würde, da rief er prompt „Holtztransport“. Ach, zu schön, um wahr zu werden.