19. Jüdisches Filmfestival

Die Menschen und der Ölbaum

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Filme über den Palästina-Konflikt, den Holocaust und einen kleinen Sexshop: Heute wird das 19. Jüdische Filmfestival eröffnet

Komplizierte Situationen betrachtet man am besten durch Kinderaugen. Nicht dass sie dadurch einfacher würden. Aber mit naivem Blick reduzieren sich komplexe Zusammenhänge auf Allgemein-Menschliches und Abstraktes wird greifbarer. Nehmen wir Fahed. Seit er mit seinem Vater Palästina verlassen musste, lebt der Junge 1982 in einem Camp in Beirut. Die zerschossene Stadt nimmt er als etwas Normales hin, ja als Spielplatz. Klar sieht er Israelis als etwas Böses an. Sein Schulheft nutzt er nur, um die Toten aufzulisten. Aber mit den PLO-Kämpfern, die ihn für den bewaffneten Freiheitskampf rekrutieren wollen, mag er auch nichts zu tun haben. Er ist ja erst 12, lieber spielt er Fußball. Bis eines Tages bei einem Bombardement auch sein Vater ums Leben kommt. Der friedliebendste Mensch, der gerade einen Olivenbaum aus der Heimat angepflanzt hat, die letzte vertraute Erde. Nach diesem Verlust, wer mag es ihm verdenken, radikalisiert sich der Junge. Greift zur Waffe. Und ist mächtig stolz, dass er einen abgestürzten israelischen Piloten, den die PLO gefangen nimmt, bewachen darf.

Eine unmögliche Odyssee

Aber der Pilot Yoni ist gar nicht so böse, wie er gedacht hat. Auch er hat seinen Vater verloren, auch er möchte zurück in seine Heimat, wie Fahed, auch wenn der eine diese Heimat Israel nennt und der andere Palästina. Der Pilot ist die einzige Chance für Fahed, über die Grenze, durch das Kriegsgebiet zu kommen. Und so bietet er ihm einen Deal an: Er befreit ihn, wenn Yoni ihn mitnimmt – mitsamt dem Olivenbaum, den er in das Haus seiner Eltern zurückbringen will. So beginnt eine unmögliche Odyssee durch Feindesland.

Kein Olivenzweig, ein ganzer Olivenbaum wird hier zum Symbol der Völkerverständigung, der ganz naiven Annäherung scheinbar unversöhnlicher Fronten. „Zaytoun“ ist damit der ideale Eröffnungsfilm für das 19. Jüdische Filmfestival, das in diesem Jahr unter dem Motto „We come in Peace“ steht. Den Film hat Eran Riklis gedreht, einer der renommiertesten Regisseure Israels, der auf der Berlinale vor fünf Jahren schon das Panorama mit „Lemon Tree“ eröffnet hat. Gedreht wurde „Zaytoun“ in Israel mit einem Stab aus Israelis und Palästinensern. Am dritten Tag hob einer in der Crew einen Stein auf und sagte: „Sieht aus wie Palästina.“ Darauf entgegnete ein anderer: „Nein, das ist Israel, was du in der Hand hältst.“ Das wurde zum Running-Gag der Produktion, der den Konflikt keineswegs verharmlost, aber pragmatisch auf den Punkt bringt.

Erkan Riklis ist gleich noch mit einem zweiten Film auf dem Festival vertreten, der ebenfalls 1982 spielt und ebenfalls von Versöhnung handelt, aber von einer ganz anderen. „Playoff“ basiert auf der Geschichte des israelischen Basketballtrainers Ralph Klein, in Berlin geboren, aus Nazi-Deutschland geflohen, der 40 Jahre später das erste Mal nach Deutschland zurückkehrt – um die schwächelnde deutsche Nationalmannschaft für die kommenden Olympischen Spiele in Los Angeles fit zu machen. Eine emotionale Achterbahn: Denn der Jude wird nicht nur in Deutschland als Störenfried betrachtet, sondern in Israel auch noch als Verräter.

Beide Filme hat Riklis mit internationaler Besetzung gedreht: In „Zaytun“ wird der israelisch-palästinensische Cast um den amerikanischen Antistar Stephen Dorff als Pilot bereichert, der den Film auch koproduziert hat. Und in „Playoff“ spielt Hollywoodstar Danny Huston den Trainer in einem ansonsten deutschen Cast um Max Riemelt und Hanns Zischler.

„Zaytoun“ wird heute zur Eröffnung im Hans-Otto-Theater in Potsdam gezeigt, „Playoff“ folgt morgen im Thalia Programmkino in Babelsberg. Es ist fast schon Tradition, dass das Festival in Potsdam startet; vom 2. bis 11. Mai läuft es dann im Arsenal in Mitte und schließt am 12. Mai in den Kinos Eiszeit in Kreuzberg, Filmkunst 66 in Charlottenburg und Toni in Weißensee. Insgesamt sind zwölf Spielfilme und zwölf Dokumentationen zu sehen, außerdem zwei Fernsehserien und acht Kurzfilme. Und es ist alles dabei: von einem Spielfilm über einen jüdischen Kardinal bis zur Doku über eine jüdische Floristin, die einen Sexshop eröffnet, von der israelischen TV-Serie „Hatufim“, die als Vorlage für den US-Hit „Homeland“ diente, bis zum Kinderfilm „Nono, the Zig Zag Kid““, in dem ein Junge kurz vor seiner Bar-Mizwa ganz anders erwachsen wird, als er gedacht hätte.

Immer wieder sind auch deutsche Stars in diesen Produktionen vertreten: So ist Burghart Klaußner neben Isabella Rossellini in „Nono“ zu sehen. Und Sebastian Koch als zwielichtiger DDR-Agent im Kalter-Kriegs-Thriller „In the Shadow“, der 2012 als tschechischer Beitrag ins Rennen um den Auslands-Oscar ging. Viele Beiträge setzen sich auch mit dem Holocaust auseinander: So der Spielfilm „Süskind“, der die Geschichte des „niederländischen Schindler“ Walter Süskind erzählt. Oder die ergreifende Doku „No Place On Earth“, in dem ein Höhlenforscher in der Ukraine statt steinzeitlicher Funde Hausrat von Menschen findet und die Tragödie einer jüdischen Familie aufspürt, die sich anderthalb Jahre im Dunkel vor der Deportation versteckt hat.

Zarte Bande zweier Männer

Auf dem Festival, das von der Berliner Morgenpost unterstützt wird, sind 13 Deutschland- und zwei Weltpremieren zu sehen. Zahlreiche Gäste werden erwartet, unter anderem Eran Riklis, die Festival-Paten Christian Berkel und Margarita Broich sowie Regina Ziegler und Wolf Gremm, die hier noch einmal ihren Klassiker „Nach Mitternacht“ von 1981 zeigen.

Aber was ist das eigentlich, ein jüdischer Film? Diese Frage hört die Festivalleiterin Nicola Galliner immer wieder. Es definiert sich, das ist ihre ständige Antwort, nicht über ein Land, auch nicht über eine Sprache oder die Abstimmung eines Filmemachers. „Am ehesten“, sagt sie gern, „lässt es sich mit einem Schwulenfilm vergleichen.“ Bestimmend sei ganz allein das Thema. Und das findet in allen Genres seinen Niederschlag.

Da ist es nur konsequent, dass der israelisch-palästinensische Konflikt auch in dem Schwulenfilm „Out in the Dark“ behandelt wird. In die zarten Bande zweier junger Männer mischen sich sehr bald palästinensische Extremisten und der israelische Geheimdienst ein. Ein friedliches Nebeneinander, eine Koexistenz scheint hier viel ferner als im Eröffnungsfilm. Um so wichtiger das diesjährige Motto. Und der Olivenbaum als Symbol.

Jüdisches Filmfestival Berlin 29. April -2. Mai in Potsdam, 2.-12. Mai in Berlin. Programm unter jffb.de