Theater-Kritik

Sehnsucht in der Transitzone des Unbehagens

| Lesedauer: 3 Minuten

Schauspieler Ulrich Matthes inzeniert „Wastwater“

Kein Wunder, dass Ulrich Matthes sich sofort in das Stück „Wastwater“ von Simon Stephens verliebt hat. Das gesamte Personal dieses episodischen Kammerspiels ist mit so kratertiefen Abgründen ausgestattet, dass die Fantasie jedes in psychologischer Figurenentwicklung halbwegs versierten Schauspielers Luftsprünge machen muss. Dass Matthes darin ziemlich gut ist, zeigt er seit Jahren am Deutschen Theater. Dieses Mal wollte er das Stück inszenieren. Das sehr solide Ergebnis seiner Regiearbeit zeigte er in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

Wastwater, das ist der tiefste See Englands, auf dessen Grund man reichlich Tote vermutet. Mindestens eine Leiche im Keller hat auch jede der sechs Figuren, die sich bei Stephens immer paarweise begegnen. Allerdings nicht im Naturpark, sondern an unwirtlichen Orten in der Nähe des Flughafens Heathrow. Bühnenbildner Florian Lösche hat den Darstellern dafür ein flaches Plateau gebaut, das von Neonröhren in sechs mal drei Vierecke unterteilt wird. Und immer wenn ein Flugzeug vorbeidonnert, flackert der ganze Laden. Eine Start- oder Landebahn, eine Transitzone des Unbehagens.

Wenn sich hier zwei begegnen, dann stehen sie fast nie im selben Neonviereck. Dabei würden sie so gerne. Wie zum Beispiel Frieda (Barbara Schnitzler) und Harry (Thorsten Hierse). Er ist ihr Pflegesohn und wird sie gleich verlassen. Für immer. In dieser letzten Stunde sind sie zusammen einsam. Auch die nächsten beiden werden nicht tun, was sie vorhaben: Sex haben. Der Kunstdozent (Moritz Grove) und die Polizistin (Susanne Wolff), die früher auch Pornodarstellerin war. Susanne Wolff spielt diese Frau mit hippeliger Sehnsucht. Und wie sie erst von allerlei schrägen Sexualpraktiken plaudert und dann, ganz selbstvergessen, ihre Wange in die Handfläche von Moritz Grove schmiegt, dann ist das ein Moment großer Zärtlichkeit. An ihr geht Matthes’ reduziertes Regiekonzept am überzeugendsten auf: Kein Schnickschnack verstellt bei ihm den Blick auf diese aus der Welt gefallenen Figuren, klares scharfes Dialogtheater stellt er auf die Bühne.

Doch womöglich vertraut er dem Text ein bisschen zu sehr, der hat, wie sich vor allem in der letzten Episode deutlich offenbart, durchaus seine Schwächen. Ziemlich blass gerät die Begegnung des Lehrers Jonathan (Bernd Stempel) mit Sian (Elisabeth Müller), die ihm ein Mädchen von den Philippinen besorgen soll. Was er damit vorhat, bleibt unklar. Und dann beginnt es plötzlich zu nerven, dieses bodenlose Dauerschweben der Figuren, die zu allem Überfluss auch noch alle irgendwie miteinander biografisch verbunden sind. Das ist ein Problem des Textes, dem jedoch weder die Darsteller noch der Regisseur in dieser letzten Szene wirklich etwas entgegen zu setzen haben. In den besten Szenen des Abends aber packt Ulrich Matthes die Menschen an ihrer empfindlichsten Stelle, der verzweifelten Suche nach Erlösung durch Empathie.

DT-Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel.28 441 225. Termine: 5., 8., 11.5.