Klassik-Kritik

Komponist Brett Dean erklärt die letzten Tage von Sokrates

Welcher Komponist träumt heutzutage nicht heimlich davon – von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt zu werden?

Brett Dean muss davon nicht mehr träumen. Der australische Komponist hat es längst erreicht. Unter Karajan und Abbado war er einst selbst Philharmoniker. Diente 15 lange Jahre als Bratschist, wechselte dann aber lieber ins Komponisten-Dasein. Bis heute hat er sich seine guten Kontakte nach Berlin bewahrt. 2006 hoben die Philharmoniker „Komarov’s Fall“ aus der Taufe, Brett Deans Hommage an den sowjetischen Kosmonauten Komarov.

Ein paar Nummern größer ist nun „The Last Days of Socrates“ gewachsen, Brett Deans neuester Streich: ein riesenhaftes Oratorium über Verurteilung und Tod des griechischen Philosophen. Und zugleich ein engagierter Ruf nach Meinungsfreiheit. Atmosphärisch. Lautmalend. Referenzenschwanger. Unverkennbar die Nähe zu mitteleuropäischen Großmeistern wie Ligeti, Kurtag, Lutoslawski und Henze. Doch Dean ahmt nicht nur begeistert nach, er erjagt sich auch verblüffende neue Sounds. Virtuos verschiebt er die Grenzen zwischen Geräusch, Klang und Musik. Wer sich schon immer mal gerne anhören wollte, wie der giftige Trank in Sokrates‘ Kehle tropft – Brett Deans Partitur gibt effektvoll Auskunft. Sir John Tomlinsons massiger Wagner-Bassbariton verleiht dem verurteilten Philosophen raue Würde. Philharmoniker und Rundfunkchor wirbeln unter Rattle mit Lust und Mut zum Risiko.

Nach so viel üppiger Klangpracht wirkt Michael Tippetts Oratorium „A Child of Our Time“ aus den Kriegsjahren 1939-1944 fast spartanisch. Ähnlich wie Brett Dean hat auch Tippett ein politisches Anliegen: Unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938 erhebt er seine Stimme gegen jede Art von Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung. Unverständlicherweise haben sich die Publikumsreihen beim Tippett stark gelichtet. Ob dies mit der Absage der erkrankten Kate Royal zusammenhing? Oder sind zwei moderne Oratorien einfach zu viel? Wie auch immer: Sally Matthews erweist sich als berückende Ersatz-Sopranistin. Und Matthew Polenzanis Tenor glüht vor edlem Opernschmelz.