Klassik-Kritik

Auch Hofnarren haben schwierige Chefs

Regisseur Jan Bosse scheitert daran, Verdis „Rigoletto“ ins Heute zu verlegen. Die Sänger retten wieder einmal die Oper

Es ist nötig, sich noch einmal an das verzweifelte Dasein des Hofnarren Rigoletto zu erinnern. Geradezu besessen schützt er seine Tochter vor den Grausamkeiten der Welt da draußen, wo sich an oberster Stelle sein Herzog von Mantua als Weiberheld austobt. Jetzt hatte Giuseppe Verdis Oper „Rigoletto“ an der Deutschen Oper Premiere und das Publikum schaut in sein Spiegelbild: Auf der Bühne sitzt einem quasi das Publikum der Deutschen Oper gegenüber, selbst die Platzanweiserin hat dieselbe Kleidung an. Die Idee ist wahrlich nicht neu, aber gut, denkt man, Regisseur Jan Bosse will seinem Publikum einen Spiegel voller Grimassen und aktueller Wahrheiten vorhalten.

Aber irgendwie ist es schwer zu glauben, dass unser oberster Landesherr – Klaus Wowereit saß in der Premiere – abends loszieht, um reihenweise unsere Töchter zu entehren. Überhaupt fragt es sich, wer ist eigentlich der amtierende Berliner Hofnarr? Die Sitznachbarn rundum hatten ähnliche Zweifel an der Inszenierung, sie buhten den Regisseur am Ende einhellig aus. Bosses Ausflug in die Oper ist banal, zu sinnleer, eine Inszenierung fürs falsche Stück und am falschen Ort. Gelegentlich verwechseln Theaterregisseure die Wirklichkeit mit ihrer kleinen Theaterspaßgesellschaft. Die Deutsche Oper gönnt sich jetzt ein Beispiel dafür.

Und so tanzt Verdis Oper durch enge Stuhlreihen. Die Sänger retten wieder einmal den Abend an der Deutschen Oper. Obwohl es anfänglich gar nicht danach aussieht, nachdem Intendant Dietmar Schwarz vors Publikum treten musste, um zwei Besetzungsänderungen bekannt zu geben. Erst drei Tage vorher war ein neuer Landesherr gewählt worden: Eric Fennell ist als neuer Herzog von Mantua eingesprungen. Der junge, rasante Amerikaner kann die Umtriebigkeit glaubhaft darstellen, sein Tenor ist leicht geführt, sein „La donna e mobile“, das Schmachtstück der Oper, voller Leidenschaft. Er hat nur ein Problem, seine Stimme kann zwar in einem Separee verführen, aber nicht im großen Opernhaus. Und das ist ein Problem. Auch er wird am Ende ausgebuht.

Die zweite Besetzungsänderung ist der große Glücksfall der Premiere. Lucy Crowe hat – offenbar ein Allergieschub – ihre Stimme an dem Tag eingebüßt, sie spielt reizend die Gilda. Am Bühnenrand steht die lyrische Sopranistin Olesya Golovneva, die kurz zuvor aus Wien eingeflogen wurde. Man möchte kaum glauben, was die junge Russin, die da so schmal und zart am Bühnenrand steht, für große Töne von sich gibt. So frisch, so kraftvoll, so leidenschaftlich und zugleich verletzlich ist die Gilda selten zu hören. Sie bekommt Jubel auf offener Bühne und am Ende sowieso. Und was für ein Leiden muss das für Lucy Crowe gewesen sein, die ihre Rolle spielen und eine solche Stimme neben sich ertragen und gefeiert sehen musste.

Die Männer zeigen sich ansonsten hart gesotten. Verdi-Spezialist Andrzej Dobber ist ein Bilderbuch-Rigoletto, diesmal ohne vorgeschriebenen Buckel, sondern anfänglich in ein lächerlich glitzerndes Hasenkostüm verpackt. Er hat seine Partie offenbar schon so verinnerlicht, dass er sie schonungslos von Anbeginn aussingt. Er führt seinen mächtigen Bariton souverän und voller Süffisanz vor. Ein Kerl, kein Narr. Albert Pesendorfer ist ein fantastischer Sparafucile, wenn er in den Stuhlreihen sitzt, wirkt er wie der leibhaftige Tod. Stimmmächtig präsentiert er den Auftragsmörder. Eindrucksvoll sind auch Bastiaan Everink als verfluchender Graf von Monterone und Clementine Margaine als Lockvogel Maddalena.

Das Orchester der Deutschen Oper spielt einen schroffen, trockenen Verdi-Klang. Es gibt keine sentimentalen Drücker auf die Tränendrüse, das Verdische Uf-ta-ta ist ins Piano verbannt. Die Bläser sind hervorragend, die Kontraste stimmen. Am Pult steht der junge Dirigent Pablo Heras-Casado. Die Musikwelt wird ihn im Auge behalten müssen.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. Termine: 24., 28., 30. April