Kunstsache

Das Paradies ist jetzt in Mitte

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Wer dieses Wochenende zu einer Vernissage möchte, wird sich reichlich schwer tun. Emma ist enttäuscht, der Grund aber ist einleuchtend. Berlins Galerien rüsten sich für den nächsten Marathon, das Gallery Weekend steht an. Klar, da will jeder seine besten Leute zeigen und sein Pulver nicht vorher schon verschießen.

Judy Lybke ist immer etwas anders und macht in seinen neuen, sehr weißen Galerieräumen wieder eine Ausnahme. Er zeigt seinen Stammkünstler Carsten Nicolai, eröffnet wurde am 11. April – zur Einweihung des funkelnagelneuen Domizils. Der Charme des Morbiden, der über allem schwebte, ist verschwunden, auch wenn gleich nebenan in Clärchens Ballhaus noch heftig geschwoft wird.

Nicolai Carsten passt gut ins klinische Weiß: Er ist ein physikalischer Tüftler vor dem Herrn, seine Arbeiten sind extrem ausgeklügelt, technisch perfekt und philosophisch sehr fundiert. Er ist der Pionier unter den heutigen Medienkünstlern, der das Akustische und das Visuelle auf verblüffendste Weise zusammengebracht hat.

Bei Eigen + Art präsentiert er nun eine sehr strenge Arbeit, „crt mgn“ heißt der ebenso strenge Titel. Emma fragt gleich nach, es sind Abkürzungen für Röhren und Magneten, das werden wir schnell wieder vergessen. Und eigentlich ist diese Installation eine Hommage an Nam June Paik, der unsere flimmernden Bildschirme in die Kunst brachte, als es noch keine Flatscreens gab. Mit seiner Arbeit „Magnet TV“ von 1965 inspirierte er Nicolai, erst zu einer Performance, später zu dieser Arbeit.

Fangen wir an: Es gibt Neonröhren an der Stirnseite der Galerie, mittels einer Kamera wird deren Licht auf einen Fernseher übertragen. Zwei riesige

Pendel mit Magneten, angebracht an der Decke, schwingen über zwei Schirmen, „malen“ mit diesen Lichtlinien, die verzerrt werden. Alles per Zufallsprinzip. Kunst wird zum Störfall. Zumal die Modulationen in Akustik umgewandelt werden, es brummt heftig. Daraus sind auch Bilder entstanden, die der Künstler in Leuchtkästen präsentiert. (Auguststr. 26. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 18. Mai)

Wir schlendern weiter durch die Auguststraße, die einmal als die Galerienmeile der Stadt galt, das ist lange her. Galerien sind halt wie Nomaden. Lybke ist ihr dennoch treu geblieben, Marcus Deschler auch, und die Kunstwerke, die Nachbarschaft bekommen haben durch Olbrichts „me collectors“-Kunsthaus. Emma will gleich noch einmal in die wundersame Wunderkammer, in der es stets neue Entdeckungen zu machen gibt. Emma hat sich nämlich in ein absolut irrsinniges Miniskelett von der Größe ihres kleinen Fingers verknallt.

Ein paar Häuser weiter, in Nummer 75, wird uns dann Frank Darius buchstäblich den Kopf verdrehen. Emma kann’s kaum fassen, aber was bei ihm aussieht wie feinste, fragile Bleistiftzeichnungen, sind tatsächlich Fotografien. Das passiere auch anderen Leute, erzählt uns die Galeriefrau. Vom Wind gebogene Gräser, die im Schnee stecken, werden zu einem zarten Liniengespinst, zu einer radikal grafischen Form. Anders wie „Birke“, die wirkt wie ein hingehauchtes Pastell in blassgrün. Unglaublich. Die Japanern fänden so etwas sicher toll.

Das müssen wir erklären. Der Berliner, Jahrgang 1963, ist oft frühmorgens unterwegs, eben dann, wenn Nebel und Frühreif über den Feldern und der Landschaft oder dem Garten liegen. Die weiße Feuchtigkeit schluckt den Horizont samt der Tiefe des Bildes, und so entstehen die weiten, weißen Flächen im Foto. So gefriert die Szenerie auf unwirkliche Weise ein, wirkt ästhetisch überhöht. Darius fotografiert in dieser Serie, die er „Das Paradies ist hier“ taufte, analog, dieses bodenlose Weiß aber ist so rein. Unvorstellbar, dass da nicht per Photoshop nachgebessert wurde. Aber Künstler haben eben ihre Geheimnisse. (Alfred Ehrhard Stiftung, Auguststr. 75, Di-So 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Bis 19. Mai)