Konzert

Schnulzensänger mit Hang zum Milchreis

Ein Schweizer in Berlin: Aus Liebeskummer hat der Sänger Dagobert Schlager komponiert. Wir treffen ihn auf ein Picknick im Weinbergspark

Reis. Er mag von allen Gerichten der Welt Reis am allerliebsten. So gerne, dass er fünf Jahre lang auf einer Berghütte in Pigniu im Kanton Graubünden nur von Reis gelebt haben will. „Ich glaube nicht an Vitamine“, sagt Dagobert Jäger, der Sänger, der mit seinem Debüt – und den vielen melancholischen Liebesliedern darauf – gerade von sich reden macht. Er soll Reis bekommen. Wir haben uns zum Picknick im Weinbergspark verabredet.

Milchreis mit Himbeeren sind in unserer Tragetasche. Ein Möhren-Tomaten-Risotto und Camargue-Reis, dieser Reis mit der knackigen Schale aus der Gegend Frankreichs am Mittelmeer, wo die Flamingos baden. Und zur Begrüßung, das macht man ja so, wenn man höflich ist, bringen wir ihm auch noch ein Geschenk mit. „Das Lustige Taschenbuch Nr. 66: Donald dreht durch“. Es soll sein Lieblingsbuch sein. Dagobert freut sich sehr. „Noch eine alte Ausgabe, toll. Das behalt‘ ich, obwohl ich schon zwölf davon hab‘.“

Sich betrinken, um klarer zu sehen

Sein Auftreten hat etwas von einem modernen Till Eulenspiegel. Die spitzen Stiefel, das weiß gepunktete Rüschenhemd. Auf dem Weg zum Park fällt sein ungelenker Gang auf, der aber Ausdruck hat, der was zu sagen scheint. So als ob das Schlackern der Glieder ein Sich-Lustig-Machen wäre oder ein Seiltanz über den Dächern dieser Stadt. Und dann sind da noch seine Mundwinkel, von denen keiner sagen kann, ob das jetzt ein Lachen, ein Lächeln oder gar nichts ist. Oder doch tiefer Ernst.

Sich dem Menschen Dagobert durch Fragen nähern zu wollen ist ähnlich, wie sich zu betrinken, um klarer zu sehen, eine schwierige Angelegenheit. Fest steht, Dagobert hat in dem Film „Berlin für Helden“ von Klaus Lemke eine Rolle gespielt. Er hat gerade eine CD veröffentlicht. Das ist alles, was wir wirklich wissen. „Vorzüglich“, sagt er und führt die nächste Gabel Risotto an den Mund. Wir trinken Bier. Dagobert hatte kurz überlegt, fand es dann aber okay, so gegen zwölf den ersten Schluck zu nehmen. „Ich zahl das“, hat er noch im Spätkauf gemeint und einen 50-Euro-Schein auseinandergefaltet. „Hat mir meine Mutter geschickt.“

Zurück zum Berg, auf dem er da oben gesessen hat und all die Lieder eingespielt haben will. Hundert Stück seien es am Ende gewesen. Das hat er gemacht, weil er vor einer unglücklichen Liebe davonlief. 2005 kommt Dagobert, damals 22, zum ersten Mal nach Berlin. Er verlässt seine Heimat, die Schweiz, dabei klingt er gar nicht so schweizerisch, eher wie einer aus Flandern, der versucht, ein schweizerisches Deutsch zu sprechen. Er verliebt sich in eine ältere Frau, sie sei 33 gewesen. Manchmal gehen sie aus, er gesteht ihr seine Liebe, sie kann damit nichts anfangen. Er flüchtet also in die Schweizer Berghütte eines Onkels. Er bleibt dort oben für die nächsten fünf Jahre.

Hügelig ist die Landschaft dort. Pigniu liegt 1301 Meter über dem Meeresspiegel. 2011 wurden offiziell 33 Einwohner gezählt. Eigentlich kann man davon ausgehen, dass es auffallen müsste, wenn ein fast zwei Meter großer Typ aus der Fremde dort hinzieht. Die Gemeindekanzlei ist Montag und Donnerstag von zwei bis halb drei besetzt. Aber der Gemeindepräsident kann sich beim besten Willen nicht an einen Dagobert erinnern. Der Präsident berichtet von einer blonden Frau, die seit zwei Monaten ganz allein in einer Ferienwohnung lebe. Die gebe sich aber nicht mit der Bevölkerung ab. Auch der Wirt vom Gasthaus Alpina, im ehemaligen Pfarrhaus von Pigniu, weiß nichts von einem Dagobert. Der sagt selber, er sei nur alle zwei Monate hinausgegangen, habe zehn Kilo schwere Säcke mit Reis gekauft und sei wieder in der Hütte verschwunden, um weiter an den Songs zu arbeiten.

Ob er sich im Reduit verkrochen hat? „Wo?“, stellt er die Gegenfrage. Im Reduit. „Was ist das?“, will er wissen. Aber er sei doch Schweizer, oder? „Joa“, zieht er das Ja ein bisschen ländlich länger. Es entsteht ein verlegenes Lachen. Das Reduit ist dieses Verteidigungssystem, das mitten in die Schweizer Alpen geschlagen ist. Ein Tunnelkanalnetz. „Das nennt man so? Meine Bildung ist nicht so gut. Muss man nicht in der Armee sein. um dort reinzukommen?“ Er erzählt dann, dass er zu leicht für die Armee war. Er habe noch fünfzehn Kilogramm weniger gewogen als heute. und man habe ihn deswegen „Geist“ genannt.

Irgendwie passt das alles gut. Denn die Musik ist gespenstisch schön. Dreieinhalb-Minuten-Stücke lassen Blicke zu in ein einsames Herz. Schlagerhaft sagen einige. Aber bei Dagobert trieft nichts. Es ist eine ehrliche, ganz neue Art zu schreiben. So als ob er den Text durch bloßes Fühlen zu Papier bringt und nicht über den Umweg des Kopfes. Zeilen wie „Ich male mir kein Bild von Dir/ Ich mag Dich lieber direkt vor mir/ Um zu sehen wer du wirklich bist/ Ob das wohl möglich ist“, haben eine quasi-religiöse Deutungsart, die Orgel im Hintergrund, das Summen wie von einem Gospelchor, das kann doch kein Zufall sein. So versponnen Dagoberts Geschichte klingen mag, ein Spinner ist er nicht.

ln der Abstellkammer geschlafen

Seit drei Jahren ist er wieder in Berlin. Am 14. April 2010 geht er in die Ackerstraße in Mitte. Das Café Ribo hat geöffnet. Dagobert kennt die Schwester der Besitzerin. Fragt man die nach Dagobert, bestätigt sie, dass er über anderthalb Jahre in der Abstellkammer des Lokals geschlafen hat. Seine Songs kennt sie schon länger. „Die hat er meiner Schwester damals auf Kassette aufgenommen.“ Und den Lemke habe er auch im Ribo kennengelernt.

Die ersten Bienen summen über dem Milchreis. Und diese Sprache, die auf Dagoberts Platte so sonderbar fremd klingt, so k-t-p-verschlingend und in g-d-b-umwandelnd, sie wird zur wärmenden Umarmung. Und die Anekdoten vom Lemke: Er ruft morgens um sechs an: „Hey Cowboy, ich weiß jetzt, was wir machen.“ Am Ende schmeißt der Regisseur den ganzen Film weg. Es war die zweite Zusammenarbeit von Dagobert mit Lemke. Dabei klang das Drehbuch doch so gut. Dagobert spielte einen Typen, der die Fähigkeit hat, Frauen per Gedankenübertragung zum Orgasmus zu bringen. Das hätte Lemkes größter Film werden können.

Jetzt geht es aber auf Tour. Zum allerersten Mal wird Dagobert mit seinen Stücken, die so spieluhrenschön herumeiern und von der Liebe zu dieser einen Frau handeln, die Republik bereisen. Und er übt sogar schon. Jeden Tag singt er ein bisschen mehr. „Danke für den Reis“, sagt er zum Abschied.

Das Album Dagobert. Dagobert (Buback/Universal, gerade erschienen)

Das Konzert Ritter Butzke, Kreuzberg, 24. Mai, 22 Uhr.