Film

„Wir müssen Kino als Kultur verstehen“

Iris Berben, Präsidentin der Filmakademie, über die Lolas und die leidige Frage, wie deutsch ein deutscher Film sein muss

Sie ist schwer beschäftigt. Und schwer zu kriegen. Aber dann klappt es doch noch. Ganz unauffällig erscheint Iris Berben im Regent’s Hotel. So unauffällig, dass wir sie fast nicht gesehen hätten. Seit 2010 ist die Schauspielerin Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Die ersten drei Jahre hat sie den Posten mit Bruno Ganz geteilt, seit Februar bekleidet die 62-Jährige dieses Amt alleine. Und das just zu einer Zeit, wo gewaltige Diskussionen auf die Akademie zukommen könnten: Am Freitag werden die Deutschen Filmpreise 2013 verliehen, über die die Akademie abstimmt. Und der Favorit mit neun Nominierungen ist „Cloud Atlas“, ein Film, bei dem man sich durchaus streiten kann, ob das überhaupt ein deutscher Film ist. Peter Zander hat mit der Präsidentin gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Frau Berben, eine ketzerische Frage: Was macht eigentlich eine Präsidentin der Filmakademie? Die Öffentlichkeit nimmt sie ja meist nur in Verbindung des Deutschen Filmpreises wahr. Aber Sie haben ja noch andere Aufgaben.

Iris Berben:

Ja. Das habe ich auch lernen müssen. Es geht vor allem darum, in der Öffentlichkeit für unsere Branche zu werben. Dass man alle Möglichkeiten wahrnimmt, ein Bild abzugeben von der Vielfalt des Deutschen Films. Seit dem Verlust durch die Nazis, als so starke Talente vertrieben wurden, hat es der deutsche Film eigentlich nie mehr richtig geschafft, eine Filmindustrie zu werden. Wir sträuben uns auch ein wenig gegen den Begriff. Aber wir müssen um so einen Boden kämpfen, ob wir den jetzt Industrie nennen, Branche oder Filmwirtschaft. Und ein Teil davon sollte und muss als Kultur begriffen werden. Man muss da, mal mit Druck, mal mit Feingefühl, auch etwas durchsetzen, nicht nur bei Fördergesetzen, auch bei politischen Haltungen, etwa bei den Filmmakers in Prison.

Sie haben Ihr Amt drei Jahre lang mit Bruno Ganz geteilt. Jetzt gibt es erstmals in der Akademie nur eine Präsidentin.

Und Bruno fehlt. Er fehlt sogar sehr. Es ist ja so, dass ich mich in das Amt erst einfühlen musste. Was ich auch immer betont habe: Ich versuche da etwas. Erste Tapps-Versuche. Ich wollte es anfangs auch gar nicht und habe nur zugesagt, weil Bruno dabei war. Der steht für Kino und Arthouse, ich verkörpere mehr den Glamour-Faktor. Das war eine spannende Kombination, dachte ich, die viel bewirken könnte. Aber jetzt will Bruno sich wieder ganz seiner Arbeit widmen. Das kann ich gut verstehen. Diesen Moment habe ich wohl etwas verpasst in meinem Leben. Aber das Engagieren ist mir eine zweite Passion geworden, und wenn ich es angehe, dann will ich nicht nur ein Gesicht, ein Aushängeschild sein, das hat mir nie genügt. Nein, dann möchte ich auch etwas bewirken. Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass nur die Arbeit für mich spricht. Aber ich versuche jetzt, damit umzugehen, ohne mich zu verbiegen. Und es wurde mir seitens der Branche so viel Vertrauen entgegengebracht, das hat mich beeindruckt, das bestärkt einen auch trotz der eigenen Unsicherheit. Sodass ich schließlich, als die Frage aufkam, ob ich das nicht auch allein machen könnte, zugesagt habe.

Sind Sie also so etwas wie die Mutti des Deutschen Films?

(lacht) Sagen wir so: Ich möchte schon, dass wir uns als große Familie verstehen. Bei der wir bitte, um in diesem Bild zu bleiben, nicht vergessen, dass es auch viele komplizierte Familienverhältnisse gibt und manch schwarzes Schaf. Es darf aber keine Ausgrenzung geben. Wir müssen unsere ganze Vielfalt abbilden. Und das ist in diesem Jahr bei den nominierten Filmen auch gelungen. Wir haben da ein Zig-Millionen-Projekt wie „Cloud Atlas“ und dann so einen mit sehr kleinem Budget gedrehten Film wie „Oh Boy“.

Womit es bei „Cloud Atlas“ ja gleich wieder Diskussionsstoff gibt: Ist das ein deutscher Film oder nicht?

Natürlich gab es da Diskussionen. Im Übrigen: Ich als Präsidentin habe im Vorstand keine Stimme. Ich bin aber zugegen und darf Ihnen versichern: Es wird sehr viel Zeit und sehr viel Genauigkeit auf solche Diskussionen verwandt, wir wissen genau, was da auf uns zukommt. Man steht ja immer in der Beschusslinie, da rüsten wir uns schon. Die Sorgfalt ist groß.

Dennoch: Eines der drei Statuten der Akademie lautet, dass ein Film auf Deutsch gedreht oder der Regisseur deutsch sein müsse. „Cloud Atlas“ aber wurde auf Englisch gedreht und nur einer der drei Regisseure, Tom Tykwer, ist deutsch.

Es gibt festgelegte Regeln, die bis ins Kleinste geprüft werden. Und die Kriterien erfüllt er. Wir wussten aber schon, dass das eine Debatte anfachen könnte. Deshalb ist es vielleicht ganz gut, dass jetzt „Cloud Atlas“ nominiert wurde und wir uns solche Fragen stellen müssen. Solche Entscheidungen geben immer erneut Anlass zu weiteren Diskussionen und führen letztlich dazu, dass wir entweder beweglicher werden oder noch strenger in Reglementierungen.

Der Worst Case ist ja nicht eingetreten, dass Tom Schilling gegen Tom Hanks antreten muss oder Martina Gedeck gegen Halle Berry. Aber wäre auch das möglich?

Um diesen Worst Case gar nicht erst zu ermöglichen, hat sich der Produzent entschieden, die Schauspieler grundsätzlich nicht mit anzumelden. Alle anderen künstlerischen Gewerke waren ja deutsch besetzt und sind – wie zum Beispiel Schnitt, Kamera, Kostüm und Maske – auch zum Zuge gekommen. Es wird auch immer mehr an internationalen Produktionen in Deutschland gedreht, immer mehr heimische Gelder fließen in auswärtige Produktionen. Da ist ganz viel in Bewegung. Natürlich könnte man sagen, wir halten stur an der Norm fest. Oder aber wir fragen immer wieder neu, ab wann weicht man auf, ab wann vergisst man den Boden, den man eigentlich meinte. Ich kann Ihnen versichern, es gibt da ausgeprägte Diskussionen. Es gibt fulminante Verteidiger, die keine Veränderung wollen. Aber es gibt auch viele, die sagen, wir müssen uns öffnen.

Diese Diskussionen werden natürlich vor allem geführt, weil die Lolas mit den höchsten staatlichen Fördergeldern verbunden sind. Der Oscar in Amerika, der César in Frankreich, der Goya in Spanien wird auch von nationalen Filmakademien gekürt, aber ohne Preisgeld. Glauben Sie, die Lola könnte auch einmal einen solchen Stellenwert haben, dass man sie vom Geld befreit?

Das wäre schön. Ich glaube, dass wir dann viele Diskussionen nicht mehr führen würden. Es gibt ja auch Kräfte, die sagen, wir werden keinen Film nominieren, der einen solchen finanziellen Zuschuss gar nicht nötig hat. Da geht es manchmal gar nicht mehr darum, was ein guter Film ist, da fängt eine ganz andere, eher moralische Rechnung an. Ich denke nur: Wenn wir die Preisgelder jetzt abschaffen würden, wird auch die Lola abgeschafft. Und wir dürfen nicht vergessen, dass diese Preisgelder effektiv Filmfördermittel sind, die die Branche auch nicht verlieren sollte. Es wäre schön, wenn wir das langfristig schaffen könnten, wie die anderen Akademien. Aber dazu gehört dann auch, dass man Kino als Kultur versteht, dass es einen anderen Stellenwert hat. Und da müssen wir eben noch viel Lobby-Arbeit leisten.

Müsste man die Lobby-Arbeit auch beim Fernsehen führen? Die Verleihung wird wieder nicht live ausgestrahlt, sondern nur zeitversetzt. Könnten Sie als Quotengarant beim ZDF da nicht mehr einklagen?

In der Tat. Die Lola ist der höchstdotierte deutsche Kulturpreis. Die Verleihung sollte einen großen Stellenwert haben. Da darf uns das Fernsehen nicht wegkippen, das darf auch nicht im Nachtprogramm verschwinden, wie es mit einem Großteil der deutschen Filme leider auch geschieht. Wir wollen in die Primetime, mit der Filmpreis-Gala und unseren Filmen. Es ist völlig unverständlich, warum man das nicht zur Hauptsendezeit ausstrahlen kann. Es heißt, dass bei allen TV-Shows gerade die Quoten runtergehen. Aber das kann nicht der einzige Grund sein. Es sind doch die eigenen Stars, die da ausgezeichnet werden. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat auch einen Kulturauftrag zu erfüllen. Dafür kämpfe ich.

Ihre Vorgängerin Senta Berger sah es als Widerspruch an, dass sie als überwiegende Fernsehschauspielerin Präsidentin der Filmakademie wurde. Bei Ihnen ist das ähnlich. Sehen Sie den Widerspruch auch?

Natürlich. Darüber habe ich auch nachgedacht. Deshalb war es ja so wichtig, dass Bruno da war. Andererseits habe ich in meinem Leben auch einige Filme gedreht. Es wäre mir auch lieber, wenn es umgekehrt wäre, wenn ich mehr Kino gemacht hätte. Aber es ist, wie es ist. Und ich lasse mich nicht darauf reduzieren. Und die Tatsache, dass die Akademie mich wieder haben wollte als Präsidentin, zeigt mir doch, dass solche Überlegungen eigentlich ganz überflüssig sind.

Wenn wir schon beim Fernsehen sind: Sie haben gerade Ihren letzten „Rosa Roth“-Fall abgedreht, der Ende des Jahres ausgestrahlt werden soll. Fast 20 Jahre lang haben Sie die Rolle gespielt. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied?

Der Sender hätte gerne weitergemacht. Warum etwas unterbrechen, was gut läuft. Aber ich finde, man darf den richtigen Moment nicht verpassen. Das habe ich auch damals bei „Sketch-up“ mit Diether Krebs diskutiert. Ich spiele Rosa Roth jetzt seit 20 Jahren. Es ist auch eine Auszeichnung, eine Figur über so einen langen Zeitraum spielen zu dürfen. Wer weiß, ob man heute noch mal die Chance hätte, ein Format so langfristig zu entwickeln. Natürlich gab es einen sentimentalen Schub, als die letzte Klappe fiel. Und es wird noch mal einen geben, wenn die Folge läuft.

Die Folge heißt „Der Schuss“. Müssen wir uns auf das Schlimmste gefasst machen?

Das habe ich mir ausbedungen: Keinen Serientod. Ich wollte nicht erschossen werden. Nein, ich wollte scheitern.