Theaterkritik

Mit dem Geld kommen auch die Werte abhanden

Falladas „Wolf unter Wölfen” am Deutschen Theater

Für Spieler ist es der aufregendste Moment: Wenn die Kugel noch kreiselt in der Rouletteschüssel, wenn nichts mehr geht, aber alles noch möglich ist. Ole Lagerpusch lässt seinen notorischen Glücksspieler Pagel kurz hoffen, dass doch noch was geht, obwohl längst nichts mehr möglich ist, denn Wolfgang Pagel, Fahnenjunker a.D., ist wie alle anderen zum Spielball der Umstände geworden. Die waren im Inflationsjahr 1923 in Berlin alles andere als gemütlich. Viel zu viel Geld traf auf viel zu wenige Waren und in dem Maße, wie das Geld seinen Wert verlor, kamen auch der Gesellschaft die Werte abhanden. Was das für kuriose Blüten trieb, beschrieb Hans Fallada 1937 in seinem Roman „Wolf unter Wölfen“, den der Schweizer Regisseur Roger Vontobel jetzt auf die Bühne des Deutschen Theaters bringt. Passt ja gerade ganz gut in die aktuelle europäische Was-ist-unser-Geld-noch-wert-Diskussion.

Aus dem enormen Falladaschen Personal schnappt Vontobel sich im Wesentlichen fünf Hauptfiguren plus ein wenig Entourage. An ihnen zeigt er auf, was die Umstände mit den Menschen machen. Dieser psychologische Realismus bescherte dem jungen Vontobel bereits viel Lob. Dieses Mal aber funktioniert das zunächst nur mäßig. Dramaturg John von Düffel wird seinem Ruf als versierter Eindampfer von dicken Klassikern durchaus gerecht. Aber was kann schon bleiben von einem 1200-Seiten-Roman, für den gerade mal drei Stunden Spielzeit zur Verfügung stehen? Der pure Plot, mehr nicht. Falladas Geschichte aber wird erst lebendig durch die schrägen Glückssucher, die Nebenschauplätze und die Stadt Berlin natürlich, die besonders in diesen Jahren, in denen die Verzweiflung eine irre Vergnügungssucht gebiert, so schillernd und so abgründig war. Der Abend trägt den Untertitel „Inflationsrevue“ und tatsächlich gibt es eine Band, beleuchtete Stufen und ein paar leichte Mädchen, aber wie Lagerpuschs Pagel da im von oben niederprasselnden Banknotenregen steht, während sich um ihn herum der Rouletteschüsselboden dreht, da sieht er eher aus wie ein inszenierter Gameshow-Gewinner im Fernsehen, als wie einer, der am Abgrund steht. Natürlich verliert er. Und zwar alles. Sein Geld und auch seine Freundin Petra, die bei Meike Droste ein leises, trauriges und blasses Mädchen ist. Die landet im Gefängnis, während er sein Geld verzockt. Armer Mann, was tun?

Da trifft er auf zwei alte Kriegskameraden, den Oberleutnant a.D. Studmann und den Rittmeister a.D. von Prackwitz. Der bewirtschaftet ein Gut auf dem Land und nimmt die beiden Herren mit. Und jetzt endlich ist sie da, die Fallhöhe, die dem ersten Teil des Abends so gefehlt hat, denn dass die Stadt ein Sündenpfuhl ist, war ja klar. Doch auch der vermeintliche Sehnsuchtsort auf dem Land ist keiner, auch hier gerät die Welt aus den Fugen. Nur deshalb können die Figuren, die vorher noch so furchtbar saftlos schienen, plötzlich brüchig werden und aufleuchten. Matthias Neukirchs korrekter Zahlenverwalter Studmann zum Beispiel mit seinen Gefühlen für die Gattin des Rittmeisters. Der wiederum wird von Peter Jordan mit zackigem Schneid ausgestattet. Von allen aber beschert uns Katharina Marie Schubert in diversen Rollen die schönsten Momente dieses zweigeteilten Abends. Selbst Lagerpuschs Pagel ist in diesem Setting nicht mehr nur der farblose Schlacks, sondern ein sympathischer Träumer. Und wenn sich jetzt die Bühne dreht, dann ist da nichts mehr von der Aufregung des Anfangs, dann kreiselt statt der Roulettekugel seine Petra stumm an ihm vorbei.

Deutsches Theater Schumannstr. 13a, Mitte. Tel.: 28 441 225. Nächste Termine: 28. u. 30. April, 3. u. 4. Mai, je 19.30 Uhr,