Kurzkritik

Bei aller Brillanz will der Funke nicht überspringen

Geiger Leonidas Kavakos und Rattle in der Philharmonie

Einige Künstler haben es, andere leider nicht: Charisma. Für Leonidas Kavakos muss das besonders bitter sein. Hochintelligenter Geiger, überragende Technik, feinste Ausdrucksmöglichkeiten. Und trotzdem – die Publikumsbegeisterung hält sich in Grenzen. Das Herz möchte einfach nicht aufgehen, wenn Kavakos mit gleich- bis missmutiger Miene vor die Philharmoniker tritt, um seinen Part des Dutilleux-Violinkonzert in aller Strenge und Effizienz zu absolvieren. Sein mittlerweile schulterlanges Haar soll den Griechen vermutlich von seinem trockenen, verkopften Studienrat-Image wegführen, aber das klappt nur bedingt.

Und Sir Simon Rattle? Der kitzelt einige zauberhaft sinnliche Momente aus der Partitur. Dem Orchester ist allerdings anzusehen, dass es das Violinkonzert von Henry Dutilleux nicht für den ganz großen Wurf hält. Unglücklicherweise konnte auch Lutoslawskis verstaubtes Konzert für Oboe, Harfe, Streicher und Schlagwerk zu Beginn nicht wirklich Appetit machen. Wer war nur für diese Programmzusammenstellung zuständig? Wer hat hier die Chance vergeben, interessante Neue Musik mit Beethovens 6. Sinfonie zu koppeln?

Die Sprödigkeit der ersten Konzerthälfte scheint sogar noch auf die ersten beiden Sätze der „Pastorale“ überzugreifen. Rattle setzt hier auf eher betuliche Tempi, bauchige Artikulation und größtmögliche Transparenz der Stimmen. Er kommentiert Beethovens Architektur mit erhobenem Zeigefinger. Ist das bereits Rattles Spätstil? Diese Lust an objektiven Details, an purer Struktur, an kühler Betrachtung? In die „Szene am Bach“ lässt Rattle mehr historische Aufführungspraxis eindringen, als den Philharmonikern gut tut. Es fehlen Charme und Wärme. Wie ausgewechselt packen die Musiker dann den 3. Satz an. Rattle treibt munter vorwärts, wird hemdsärmelig, bringt grelle Farben ins Spiel. Das Gewitter des 4. Satzes entlädt sich in kolossalen Horrorfratzen. Warum Rattle Beethovens „Pastorale“ in zwei ungleiche Hälften teilt? Das weiß kein Mensch. Auffällig ist allerdings, dass Paavo Järvi eine Woche zuvor Ähnliches mit Beethovens 1. Sinfonie ausprobiert hat – an gleichem Ort.