Theater-Kritik

Herrlich anzusehen, aber ohne jede tiefere Bedeutung

Regisseur Robert Wilson und CocoRosie führen am Berliner Ensemble „Peter Pan“ auf

Hier will einfach keiner erwachsen werden. Der 71-jährige Robert Wilson nicht, der sich starr lächelnd am Ende seiner jüngsten Zauberladen-Premiere verbeugte. Und auch nicht das angesagte Post-Elektrofolk-Duo CocoRosie der beiden einst so spitzbenamten Schwestern Sierra und Bianca Casady, die diesmal die Musicbox für das jüngste Wilson-Art-Boutique-Musical mit 21 Songs und diversen Zwischenspielen manierlich füllten. Und erst Recht nicht der grünglitzernde Peter Pan, der ewige Junge, der schwer daran zu kauen hat, dass ihm, nachdem er einst ausgebüchst war, seine Mutter nicht das Kinderzimmerfenster offengehalten, sondern ihn stattdessen vergessen hat.

Frühkindliche Verlassenheitsparanoia, unbeaufsichtigte Abenteuerspiele mit Gleichgesinnten zwischen Meer, Land und Luft in Nimmerland, Eifersüchteleien der Fee Tinkerbell auf jedes weibliche, sich Peter nähernde Wesen und schließlich der archetypische, im wonnevoll zuschnappenden Krokodilsmaul endende Kampf zwischen Gut und Böse als zwei Seiten einer Persönlichkeitsmedaille, wie sie hier Peter Pan und Kapitän Hook auszufechten haben, es gäbe einiges wegzuinszenieren, zu problematisieren in diesem in Deutschland gern als süßer Disney-Quark abgehandelten Stoff.

Aber Robert Wilson verwandelt James Matthew Barries „Peter Pan oder Das Märchen vom Jungen, der nicht groß werden wollte“ am Berliner Ensemble in einen harmlosen Bilderbogen, luxuriös und herrlich anzusehen, aber ohne jede tiefere Bedeutung. Ein trotz nur zwei Stunden Spieldauer irgendwie länglicher Abend, der sich spreizt und angesichts des hier betriebenen Aufwands umso mehr kalt lässt. Zu Beginn lässt Wilson vor lachsfarbener Tapete mit tannengrünen Schifflein als Wendy-Doppelgängerin ein Kind Kind sein, während eine nackte Peter-Pan-Puppe eine Lichtangel auswirft und einen bedrohlichen Schatten wirft. Lautet doch sein alterskluger, hier zu Pause und im Schlusschor intonierter Leitspruch „Der Tod wär wohl das größte Abenteuer“.

So abgründig bleibt es nicht, denn dann übernehmen schnell die grimassierenden Erwachsenen grell geschminkt den kleinen Horrorladen, in dem allerdings vorwiegend der Horror vacui lauert. Leer ist es, hohl tönt es, eher noch schrill „Cabaret“-tingeltangelig. Denn auch CocoRosie, die am Ende noch ein ein nette Dessous-Zugabe trällern, tapsen diesmal klanglich nur auf Samtpfötchen.

Leider hat der schwuchtelig-schwärmerische Stefan Kurt als Kapitän Hook in Sabin Tambrea als Peter Pan keinen Widerpart. War der in Wilsons „Lulu“ als Jack the Rippet die einzig interessante Person auf der Bühne, ist der am Berliner Ensemble Vielbeschäftigte inzwischen 190 schlaksige Zentimeter Manieriertheit.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Karten: 284 08 155. Termine: 19., 21., 22. April; 11. und 12. Mai