Wotan Wilke Möhring

Das Leben ist der beste Lehrer

Der angehende „Tatort“-Kommissar Wotan Wilke Möhring spielt jetzt im Kino erst einmal den ratlosen Witwer der Nation

Kein guter Tag zum Sterben. Viel zu schön. Die Schwartzgelben haben mal wieder haushoch gewonnen. Das Wetter gibt sich verhältnismäßig gut gelaunt außerhalb dieses Bunkers, der sich Hotel nennt.

Zum Trauern, zum Reden über Tod und Trauer und Leid müsste es jetzt wenigstens zum Beispiel ein bisschen regnen. Aber das ist ja vielleicht schon der Trugschluss. Dass ist ja vielleicht schon zu deutsch. Dass man das so trennen könnte oder müsste, das Lachen und den Schmerz, dass man den wegdrängt und die Trauer aus dem Leben, wegsperrt in Häuser, die sich damit auskennen, in denen Trauer und Schmerz wohlverwahrt sind und weit weg von uns und unserm Leben.

Trauer muss gelernt sein

Der Mann, der gegenwärtig so etwas wie der Witwer der Nation ist und es dementsprechend wissen muss, findet das nicht gut. Weil das Leben so nicht ist, weil es so nicht zu leben ist. Wotan Wilke Möhring, Westfale, angehender „Tatort“-Kommissar, guter Kumpel eines anderen „Tatort“-Kommissars namens Til Schweiger; ein Mann, der schon Pädophiler war und Serienmörder, Weichei und harter Hund, einer der fleißigsten Dreharbeiter des deutschen Films und nun gerade – im Fernsehen in Johannes Fabricks „Der letzte schöne Tag“ und jetzt im Kino in André Erkaus „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ – zweimal hochgefeiert in Trauer um die Mutter seiner (Film-)Kinder.

„Wenn wir uns verbieten“, sagt er mit seiner hellen, kehligen Stimme, es ist Hamburg und Möhring, den viele gern für einen Hamburger halten, obwohl er in Herne aufwuchs und garantiert einen Schal von Borussia Dortmund im Schrank hat, „wenn wir uns verbieten, Schmerz und Leid zuzulassen, kommt es doch umso heftiger, wenn sie uns erreichen. Und sie erreichen uns. Da können wir sicher sein. Wenn wir Trauer und Tod auch als Bestandteil des Lebens akzeptieren, fällt das leichter.“

Markus Färber muss das irgendwie verpasst haben. Wie er einiges irgendwie verpasst hat. Seine Tochter zum Beispiel. Jetzt sitzt er da, in seiner Wohnung, die elend leer ist, seit seine Frau bei einem dusseligen Unfall ums Leben kam, vom Anrufbeantworter gellt ihre Stimme noch manchmal durch die Räume. Und Martin versinkt, so betonhart schmallippig ins Trübe guckend, wie vielleicht nur Möhring es kann, in seine Trauer. Macht einen Kult daraus.

Kim macht das auch. Sie ist 15, rüstet sich äußerlich zur Gothic-Queen hoch, verzweifelt innerlich daran, dass ihr Vater, der Held, der Starke, kein Held mehr sein mag und stark schon gar nicht. Dass sie beide vor Jahren die Anschlusszüge zu einander verpasst haben und beider Bahnhof, die Mutter, fehlt, wird mit jedem Tag mehr offenbar. Und dann fängt Oma Färber auch noch an, vor sich hin zu sterben. Furchtbar ist das Leben mit den Färbers. Und furchtbar lustig, es wimmelt nur so von Übersprungswitzen. Lebensbejahend, nennt Möhring das. Und er hat recht. Lebensnah kann man auch sagen. Oder „isso“, wie der Hamburger sagt.

Möhring kennt Martin, kennt seinen Schmerz, die Trauer, spätestens, seit sein Vater, die vielleicht wichtigste Bezugsperson seines Lebens, plötzlich starb, kennt er sie. Möhring ist aber nicht Martin. Möhring ist kein Verkriecher. Bei ihm war nicht nur Trauer, da war sehr viel Wut, ein Aufbegehren gegen das Schicksal zu dem Martin die Kraft fehlt, die Energie.

Davon hatte Möhring immer schon eher zuviel, da ist er Martins Tochter sehr viel näher als ihrem versteinernden Erzeuger. „Ich bin die Rebellionsgeschichte an sich“, sagt er. Nicht dass er es wirklich nötig gehabt hätte. Jedenfalls fehlte, glaubt man Möhrings Erzählungen vom warmherzigen, verständnisvollen, liebevollen Elternhaus, in dem er mit seinen vier Geschwistern aufwuchs, dazu jeder äußerliche Anlass. Möhrings Rebellion kam von innen, war eine junge Unrast, die Sucht, immer noch einen Schritt weiter über die Grenzen zu gehen.

Immer wieder musste er eingefangen werden. Von seinem Vater vor allem, der von einer Engelsgeduld und einer übermenschlichen Liebe zu seinem ältesten Sohnes gewesen sein muss, obwohl der einmal fast ein Jahr kein Wort mit ihm geredet hat auf dem Höhepunkt seiner pubertären Hormonverwirrung. „Der hat zu mir gehalten wie kein zweiter. Egal, was ich gemacht hab. Wir haben meine Farbschmierereien weggemacht des Nachts, stumm, wie zwei Männer, er hat mich vom Polizeirevier abgeholt, ohne Vorwürfe, hat nur gesagt, lass dich nicht erwischen. Das haben meine Eltern schon gut gemeistert.“ Haben aufgebracht, was es braucht in der Pubertät. „Ganz viel Liebe, eine selbstlose, nichts einfordernde, freie, fast christliche Liebe.“

Die Unrast ist geblieben. Möhring wurde Punk und Altenpfleger und Fallschirmjäger und Diplom-Kommunikationswirt und Club-Besitzer und Bandgründer und Türsteher und Model. Er wollte gar nicht werden, was er jetzt ist und wozu ihm Vivienne Westwood irgendwann einmal geraten hat. Aber es ist vielleicht das, wozu er gemacht ist, mit seiner Energie, mit seiner Lust, Grenzen auszuloten, Leben auszuloten.

Nicht als Selbstzweck allerdings. Schon auch um was zu lernen aus den Leben, die er spielt. Aber wenn es einen Unterschied gibt, zwischen den beiden erzrebellischen Bürgersöhnen, die von nun an in der Bürgerstadt Hamburg für den „Tatort“ ermitteln, zwischen Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring, dann liegt er darin, dass Möhring Schauspielerei nicht als Fortsetzung seines Lebens betreibt und die Rebellion einer nicht endenwollenden Jugend im Fernsehen und auf der Leinwand austrägt. Darüber ist er längst hinaus.

Er nutzt das Geschenk, das sein Beruf ist, die Chance, immer wieder in fremden Leben hospitieren zu dürfen, auch um zu lernen. Dass man, wie Martin lernen muss, in allem Vorbild ist, auch in der Schmerzverarbeitung, wie schmal des Messersschneide ist, auf dem man mit seiner Tochter tanzt, wenn sie in der Pubertät steckt, was man tun muss, damit das Band, das einen hoffentlich mit seinen Kindern verbindet, nicht reißt. Wie befreiend es ist, wenn das Kind, wie Kim im Film, erkennt, als sie die Oma zu Grabe getragen haben, „dass der Vater eben auch nur ein Sohn ist“, sagt Möhring, „der trauern möchte und nicht weiß, wie es geht.“

Das Experiment Leben beginnt

Am Ende tanzen sie, Martin und Kim, knuffen sich. Erzählen sich was. Der Film ist aus. Sehr wahr, das alles. Er hat ziemlich lange und ziemliche Umwege gebraucht in diese Schule des Lebens.

Mit Dreißig erst hat Möhring seinen ersten Film gedreht. „Die Bubi-Scholz-Story“. Und lange hielt man ihn nicht für öffentlich-rechtlich kompatibel. Er muss zu rebellisch gewesen. Aber weil sich die Zeiten geändert haben und die Formate mit ihnen, wird der Farbbeutelwerfer von Herne jetzt eben „Tatort“-Kommissar. Thorsten Falcke heißt er dann, „Feuerteufel“ heißt am 28. April sein Debüt. Er ermittelt im Norden und neben Schweigers Nick Tschiller.

„Öffentlich-rechtlicher geht’s nicht.“ Sagt er. Und dann klopft er auf den Tisch. „Gut“, sagt er noch. Verabschiedet sich und federt hinaus.