Theater-Kritik

Viel Blut, nacktes Fleisch, Konfetti und Karacho

Lars Eidinger inszeniert „Romeo und Julia“

„Och, hab’ keine Idee, mach du doch“, soll der Intendant zum Star seines Ensembles gesagt haben. An der Schaubühne sind das Thomas Ostermeier und Lars Eidinger, der hier schon einmal inszenierte. Und mit Schillers „Räubern“ eine gewitzte, treffliche Auseinandersetzung über Anarchie und Despotie ablieferte. Jetzt geht es um „Romeo und Julia“ von Shakespeare, und Regisseur Eidinger hat Ideen im Überfluss für die Mär, die da erzählt von unserer irren Gier auf Liebe, der unsere irre Gier auf Krieg stets im Wege steht. Bändeln und Händel im grotesken, traurigen, absurden Wettrennen vor dem Hintergrund der von Feindbildern besessenen Veroneser Sippen Capulet und Montague.

Diese Teenager-Lovestory inspirierte Eidinger zu einem geradezu rauschhaften Cocktail der Formen: Komödie, Klamotte, Farce, Comic, Romanze, große Oper, Schauerstück, Action-Thriller, Tragödien-Schauer, Gender-Spielchen und jede Menge Slapstickiaden – gewürzt mit aasigem Witz und kindischer Blödelei; gebettet in den klirrenden Sound von The Echo Vamper mit den Rockern James Brook & Iza Mortag Freund. Die Bühne (Nicole Timm) ist auf den Seiten Backstage mit Garderoben (voller verrückter Kostüme von Nicole), mit Requisite, Maske, Musikerpodium. In der Mitte ein Guckkasten für Eidingers Shakespeare-Theater, das einer mit Theatermitteln vollgestopften, Spielplatz-chaotischen Wunderkammer gleicht. Eidingers Fantasie fasst den Autor, wie es dessen Übersetzer Thomas Brasch gleichfalls tat, fest an Kopf und Herz und ungeniert auch am Glied – plebejisch rotzig, geil und sexy, ironisch-zynisch oder, wenn es denn sein muss, zart und sentimental.

Freilich zuweilen passiert es, dass der Regie-Ideenreichtum ins maßlose Auftürmen von Gags wuchert, ins selbstverliebte Virtuosentum, das den Sog des zweieinhalbstündigen Abends stört. Das allzu viele Blut, nackte Fleisch, Konfetti, Karacho, Tamtam. Doch trotz der demonstrativ grellen Exzesse (dasselbe Stück am BE kommt schimmernder, mit mehr Einfühlung rüber): Es bleibt immer Shakespeare; die Regie hängt fest an Plot und an Verständlichkeit. Und beständig grüßt vom Horizont ein Sternhimmel gleichmütig funkelnd das irdische Elend vom ewigen Hass, an dem Liebe verreckt.

Die letzte halbe Stunde dann – nach dem ersten Mal im Doppelstockbett – beklemmende Stille. Die gehört allein der unfreiwilligen Selbstvernichtung von Romeo und Julia; früh desillusioniert und doch mit festem Glauben ans glückliche Miteinander: Moritz Gottwald und Iris Becher, die Aussteiger aus der brutal egomanischen Böse-Bürger-Welt, in der Regine Zimmermann als Lady Capulet und Sebastian Schwarz als Amme und Graf Paris abgründig kabarettistische Kabinettstücke liefern. Zum Finale das ganze grandiose Ensemble unplugged mit einem Bauhaus-Song an den Gräbern der toten Jugend: „Flash of youth shoot out of darkness…“ Dazu sprüht hoch am Himmel ein Feuerwerk „Romeo & Julia“. Es verglüht; dunkel wird’s.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Karten: 890023. Termine: 20.4; 13. und 14. Mai