Belletristik

Alle Familien sind verkorkst – aber die hier ganz besonders

Morgens wird der Herr Direktor von seinem Chauffeur abgeholt, der ein Autolenkrad in den Händen hält und prustend und gestikulierend seinen Chef ins Büro geleitet.

Abends lutscht der Herr Direktor vor dem Einschlafen gern einen Lolli, und am Sonntag bleibt er am liebsten im Bett liegen. Und manchmal spielt er mit einem Patienten Biene Maja auf dem Parkplatz.

Das (und vieles mehr) geschah in den 1970er- und 1980er-Jahren, als der Direktor, ein großer, dicker Mann mit Glatze, das „Landeskrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ in Schleswig leitete. Auf einem großen Areal, in einer Vielzahl von Häusern, waren 1500 Patienten untergebracht. Und im Zentrum, besser noch: im Herzen dieser kleinen, von Mauern gesicherten Stadt lebte in einer Villa der Direktor mit Frau und drei Söhnen.

Der jüngste der drei Söhne, der 1967 geborene Schauspieler Joachim Meyerhoff, hat seine Familiengeschichte als dramatische Erzählung auf der Bühne präsentiert. „Alle Toten fliegen hoch“ heißt das Programm, ein fantastisches memento mori in sechs Teilen, das Meyerhoff nun, Schritt für Schritt, in die Form eines Romans fasst. 2011 erschien unter dem Obertitel „Alle Toten fliegen hoch“ der Roman „Amerika“, in dem Meyerhoff von seinem Jahr als Austauschschüler im US-Staat Wyoming und vom Tod seines mittleren Bruders erzählt.

Meyerhoff gelang in diesem Buch eine Mixtur der Gegensätzlichkeiten: Witz und Komik auf der einen Seite, Trauer und Angst auf der anderen Seite kollidieren unablässig, sodass man schon bald nicht mehr wusste: War diese Stelle noch zum Lachen oder doch eher schon zum Weinen? Letztlich nimmt Meyerhoff eine große Dekonstruktion vor: Was als schräge Idylle beginnt, endet in abgrundtiefer Trauer. Am Anfang ist der Ich-Erzähler sechs oder sieben Jahre alt und hat kein einfaches Dasein: Er ist der „Idiot der Familie“, seine älteren Brüder nennen ihn „Hirnie“ wie die Beschädigten draußen auf dem Klinikgelände. Doch die Familie selbst neigt zu sonderbaren Verhaltensweisen: Der mittlere Bruder spielt den kleinen Professor und doziert ohne Unterlass. Der älteste Bruder sitzt am liebsten im grünen Dämmer seines abgedunkelten Zimmers, in dem riesige Aquarien vor sich hinblubbern.

Der Vater scheitert als Jogger, Segler und als Selbstversorger auf dem Lande. Aber er ist ein sentimentalischer Geist geblieben, der sich seinen vom Leben geschlagenen Patienten zutiefst verbunden fühlt. So weist er seinen Sohn einmal auf die „in den Gesichtern der Patienten wie im Verborgenen liegende Schönheit hin“. Wie der Vater sind auch die anderen Mitglieder der Familie Liebende und Scheiternde.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Kiepenheuer & Witsch, 19,99 Euro