Sachbuch

Glücklich ist, wer vergessen kann

Douwe Draaisma kennt die Geheimnisse des Gehirns

Die Rätsel der Erinnerung und des Zeiterlebens sind das Thema von Douwe Draaisma, Dozent für Psychologiegeschichte an der Universität Grooningen. In seinem „Buch des Vergessens“ beschäftigt er sich zunächst mit dem „autobiografischen Gedächtnis“. Weshalb haben Menschen in der Regel keine Erinnerung an ihre ersten Lebensjahre? Zum einen ist das Hirn in dieser Zeit mit wichtigeren Dingen beschäftigt: Verfeinerung der Reflexe für Essen und Bewegung, Entwicklung der Auge-Hand-Koordination, „Skripte“ für wiederkehrende Erfahrungsabläufe, Interpretation von Gesichtseindrücken, Musterbildung.

Nach einer geläufigen Theorie sei zudem die Neuronen-Verdrahtung im Gehirn noch nicht genügend ausgebildet, um Erinnerungen zu bilden. Dem widerspricht jedoch, dass kleine Kinder die Menschen und Dinge ihrer Umgebung identifizieren (was eine Menge Gedächtnis voraussetzt) und sich auch an Erlebnisse wie den letzten Ausflug zur Oma gut erinnern. Seit einiger Zeit rückt man von der Verdrahtungsthese deshalb wieder ab und erklärt die kindliche Amnesie aus dem Umstand, dass das Kleinkind noch kein „Selbst“ entwickelt habe. Ein Gedächtnis ohne „Ich“ sei so undenkbar wie eine Autobiografie ohne Hauptperson. Erste Erinnerungen ließen sich deshalb oft als Schlüsselmomente der Identitätsbildung begreifen.

Ein Kapitel widmet sich Freuds Theorien über „Verdrängung“ und Trauma. Ein Eckpfeiler der Psychoanalyse erweist sich als morsch. Unangenehme oder beschämende Erlebnisse werden nämlich keineswegs ins Unbewusste verdrängt, sondern mit wischfester Tinte ins Gedächtnis eingetragen. Mehr noch, sie scheinen sich auszudehnen in der Erinnerung – weil alles andere drum herum schrumpft.

Das ergibt Sinn: Unangenehme Erinnerungen und Demütigungen spielen für die korrigierende Arbeit am Selbst eine entscheidende Rolle. Aus Peinlichkeiten wird man klug, und deshalb prägen sie sich ein wie dem Tier die giftig schmeckenden Pflanzen. Erst recht die wirklichen Traumata werden nicht verdrängt und benötigen keine clevere symbolische Verschlüsselung, um sich aus dem „Unbewussten“ geltend zu machen. Sie lassen sich nicht verdrängen, sondern drängen sich auf.

Douwe Draaisma: Das Buch des Vergessens. Galiani, 350 Seiten. 19,99 Euro