Kunsthalle

Die neue Wunderkammer

Nach dem Coup „Macht Kunst“ eröffnet die neue Kunsthalle der Deutschen Bank offiziell mit dem „Künstler des Jahres“ Imran Qureshi

Angeblich gratulierte sogar der Direktor der Tate Modern in London, und der „Guardian“ lichtete die Schlange ab. Ein Coup, dessen Erfolg nicht nur alle Kunstexperten in der Deutschen Bank umhaute. Vor der heutigen, offiziellen Eröffnung der neuen Kunsthalle hatte man dort zu der Aktion „Macht Kunst“ aufgerufen. Künstler wurden aufgefordert, ihre Lieblingswerke einzureichen. Die Arbeiten, so die Ansage, würden 24 Stunden Unter den Linden gezeigt. Der Erfolg war furios. Gigantische Schlangen – wie zu besten MoMA-Zeiten – wurden gesichtet, die Leute standen teilweise Stunden an, um ihr Bild einzureichen. Der Andrang jedenfalls war so groß, dass nächste Woche noch einmal 1800 Werke in der Alten Münze präsentiert werden. Zur Erinnerung: Anfang des Jahrs hatte die Deutsche Bank ihre Kooperation mit der Guggenheim Foundation beendet. In diesen Räumen Unter den Linden startet nun die Kunsthalle.

Eine sakrale Wunderkammer

Man kann diese Aktion nun als populistisch bekritteln, sich über Wert, Anspruch und Qualität von Kunst in der Hauptstadt streiten, ja, sich auch über den Zustand der jungen Kunstszene auslassen, die so prompt auf diesen „Aufruf“ reagierte. Offenbar fehlt ein Forum, eine institutionalisierte Plattform, denn die Mehrzahl der Arbeiten stammten von Profis. Verkauft wurde auch. Diese Aktion zeigt also nur, wie wichtig eine solche Debatte in dieser Stadt ist, und, so André Schmitz bei der Kunsthallen-Eröffnung, welcher „Nerv getroffen wurde“. Kulturpolitisch, so sagt er, sei er jedenfalls „neidisch“ gewesen auf diese Menschenansammlung vor der Tür. Zumal das Thema Kunsthalle für ihn heikel ist – das einstige Lieblingsprojekt des Regierenden war vor einiger Zeit kläglich gescheitert. Zum Schluss fehlte Rückendeckung, auch von den Künstlern selbst. „Ein Desaster“, kommentiert Staatssekretär Schmitz. Als er dann den neuen Titel „Kunsthalle“ gehört habe, sei er allerdings erschrocken.

Hat die Kulturpolitik nun das Kapitel Kunsthalle abgeschlossen, will jemand von ihm wissen. „Privates Engagement ersetzt nicht die kommunale Kunsthalle, doch im Haushalt gibt es andere Prioritäten. Die Chance ist vorübergegangen.“ Klare Aussage. Umso mehr schauen jetzt alle auf den Start der Kunsthalle, die in den alten Räumen des Guggenheim untergebracht ist.

Die Eröffnungsschau übernimmt der zum „Künstler des Jahres“ gewählte Imran Qureshi, Jahrgang 1972. Er stammt aus Pakistan und belebt die Tradition der Miniaturmalerei experimentell auf wirklich atemberaubende Weise neu. Vier Wochen hat er in Berlin gearbeitet. Wer einen Blick in sein Atelier werfen konnte, weiß, der Mann malt auf Socken und im Sitzen auf dem Boden. Er hat Miniaturmalerei studiert, die feinen Pinsel bestehen aus Eichhörnchenhaar. Eine Premiere für ihn in Europa. Qureshi ist angesagt, vorsichtig öffnet sich westliche Kunstmarkt für Islamische Kunst. Auf der kommenden Biennale in Venedig wird er im Sommer sein Land vertreten. Die Schau wird anschließend in London und in Sydney gezeigt, heißt es. Auch das Metropolitan in New York wird den Künstler vorstellen.

Die Kunsthalle hat sich wundersam in eine Wunderkammer mit labyrinthisch angelegten, dunklen Kabinetten verwandelt. Es geht treppauf, treppab und um Ecken herum. Solitär strahlen die Miniaturen von Innen heraus, spärlich illuminiert im Dunkel der winzigen Kämmerchen, das hat etwas Sakrales. Wahnsinn, wie viel Platz die alten Räumlichkeiten plötzlich hergeben.

Blattgold auf Leinwand

Im vorderen Bereich der Halle hat Qureshi seinen großen Auftritt. Die metergroßen Bilder, die in der Form aussehen wie XXL-Überraschungseier, beziehen ihren exotischen Reiz daraus, dass sie Miniaturtechnik, Goldgrund und moderne Motive auf fast mythische Weise kombinieren. Zumindest europäischen Augen ist die Feinheit der sorgfältig ausgearbeiteten Darstellungen fremd. Erstmals arbeitet Qureshi hier so großformatig mit Blattgold auf Leinwand und nicht nur auf Papier.

Nun ist es so, dass Qureshi die politische Situation seines zerrissenen, vom Terror bedrohten Landes in seinen Bildern mit einfließen lässt. Rot, das ist definitiv seine Farbe. Sind es Bluttropfen? Zu schön, ja ästhetisch sind sie eigentlich dafür. Oder rote Tränen, vielleicht fantasiereiche Blütenknospen? Schönheit und Gewalt liegen beim Künstler dicht nebeneinander. Das hat seinen Grund. Vor einiger Zeit explodierte in seiner Nachbarschaft in der Stadt Lahore eine Bombe. Der einst lebendige Kiez war in Sekunden zerstört. „Das hat mich total fertig gemacht“, erzählt er. „Leben und Zerstörung. Wie geht das nur zusammen? So kam die rote Farbe in mein Werk. Dieser Terror kann überall in der Welt geschehen!“

Mit Qureshi hat die Kunsthalle einen tolles Entree hingelegt. Zumal die Fußstapfen groß sind, schließlich hat das global agierende Guggenheim mit seiner Bekanntheit Maßstäbe gesetzt. Und jeder, der sich in Berlin mit Gegenwartskunst befasst, weiß, hier ein eigenes starkes Profil zu generieren, ist nicht leicht. Groß ist die Konkurrenz, und alle wollen es ja immer besser wissen. Lange hat die Deutsche Bank gebraucht, um ihr neues Programm vorzustellen. Jetzt möchte man sagen: gut so. Eines scheint den Experten dort gelungen, sie haben sich mit den Berliner Museen und Institutionen an einen Tisch gesetzt und gesprochen, und siehe da, ein anspruchsvolles Programm ist herausgekommen. Ein Schwerpunkt bildet die Kooperation mit internationalen Museen, aber eben auch mit Partnern aus Berlin. Obenan liegt die Nationalgalerie mit einer Hommage an Otto Piene. Ein Highlight dürfte die Zusammenarbeit mit der Tate in London werden, in einer Serie sollen Künstler aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten vorgestellt werden. Das will man Unter den Linden als „Prolog“ fürs Humboldt-Forum verstanden wissen, dort rücken ja auch die außereuropäischen Kulturen in den Blickpunkt.

Im Herbst, auf der Zielgeraden mit der Art Week, ist das Projekt „Painting Forever!“ geplant, eine Präsentation, die die Spielarten des Mediums durchbuchstabieren wird. Mit ihm Boot sind die Berlinische Galerie, die Kunstwerke in der Auguststraße und die Nationalgalerie.