Madeleine Albright

Prager Lektionen

Madeleine Albright hat ein Buch über ihre Kindheit geschrieben. Joschka Fischer gelang es in Berlin nicht, mit ihr darüber zu reden

Es hätte leicht ein hinreißender Abend werden können. Madeleine Albright ist, will man untertreiben, eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Frau: klug, weise, aber auch schlau und durchsetzungsfähig. Sie strahlt, älter geworden, noch immer den zur Direktheit neigenden Campus-Charme Amerikas aus. Die erste Frau, die Außenministerin der USA wurde, wirkt ein wenig wie die Verkörperung eines wertegeleiteten Pragmatismus. Und altersloser Jugend. Vor einiger Zeit hat sie ein umfangreiches Buch über ihre Jugend in Prag geschrieben. Das Erscheinen der deutschen Übersetzung haben ihr Verlag Siedler, die Bertelsmann Stiftung und die American Academy Berlin zum Anlass genommen, die Autorin einzuladen und mit Joschka Fischer über ihre Erinnerungen diskutieren zu lassen

Professorin und UN-Botschafterin

Was für ein Leben! Marie Jana Korbelová wird 1937 in Prag geboren, der Vater Diplomat. Sie lernt und fühlt, dass die Tschechoslowakei, 1918 von dem legendären Tomás G. Masaryk gegründet, ein guter und freiheitlicher Staat ist, auf den man stolz sein kann: Minderheitenrechte und eine nach amerikanischem Vorbild modellierte Verfassung. Das Ganze getragen von dem innigen Glauben nicht nur des Staatsgründers, nach dem großen Krieg von 1914 bis 1918 könne Europa nun das Ufer der Völkerverständigung erreichen und den ethnisch getriebenen Hass auskühlen lassen. Es kommt anders: Nach dem Einmarsch der Wehrmacht muss die Familie nach England emigrieren.

Nach Hitlers Ende kehrt die Familie tatendurstig zurück, drei Jahre später muss sie vor dem anderen Totalitarismus, dem kommunistischen, fliehen, diesmal in die USA. Madeleine Albright – Professorin, UN-Botschafterin, Außenministerin, Autorin – versinnbildlicht mit ihrem Lebenslauf wie wenige eine grundlegende Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Die Erfahrung, dass Freiheit schön ist, dass sie bedroht sein kann, dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen, und dass Amerika und Europas Osten viel mehr miteinander zu tun haben, als einst den Fibeln der Entspannungspolitik zu entnehmen war.

Madeleine Albright müsste vor den knapp 250 Gästen in der rekonstruierten ehemaligen Stadtkommandantur mit der tiefpreußischen Adresse Unter den Linden 1 einfach nur erzählen. Genau so, wie es in ihrem Buch („Winter in Prag. Erinnerungen an meine Kindheit im Krieg“) getan hat. Politiker – aktive wie ehemalige – schreiben meist miserable Bücher: trocken, leblos, buchhalterisch, rechthaberisch und in einer Rumpelprosa, der jede Anmut fehlt. Ganz anders Madeleine Albright: Da gibt es ein Leben, das die Erzählung lohnt, und sie kann es in dichter Beschreibung und Analyse erzählen. Was für ein Stoff allein die Geschichte, dass die katholisch Erzogene erst im Alter von 59 Jahren und kurz vor ihrer Ernennung zur Außenministerin der USA erfuhr, dass sie Jüdin ist – die Eltern hatten es ihr nie erzählt.

Joschka Fischer wäre eigentlich der Richtige gewesen, sie nach ihrem Leben zu befragen, dessen Amplituden viel weiter ausgeschlagen haben als bei ihm selbst. Als Fischer 1998 gerade deutscher Außenminister geworden war und in Washington, Rambouillet und anderswo über den Kosovo-Krieg zu verhandeln hatte, konnte die Welt am Fernseher miterleben, wie Frau Albright, zuweilen mit leichter Amüsiertheit, den einstigen Flegel und außenpolitischen Neuling an die Hand nahm. Fischer, dazumalen fast spindeldürr und den Dreiteiler erprobend, gab erleichtert den willigen Schüler. Es war wohl Madeleine Albright gewesen, die Fischer jene Lektionen und Empathie-Infusionen gab, die es ihm ermöglichten, sich sicher auf dem diplomatischen und dem Kriegsparkett zu bewegen und viel mehr zu bewirken als etwa der italienische Außenminister Lamberto Dini, der gewissermaßen das Prinzip der Elitenzögerlichkeit verkörperte.

Hätte Fischer doch nur auch Unter den Linden wieder den Schüler gegeben. Denn auch er kommt aus einer Flüchtlingsfamilie, hat sich spät mit dieser Seite europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts befasst. Die beiden hätten wunderbar über die Werkstätten, die Verblendungen, die Täuschungen, Verführungen, Einsichten, Tragödien und unerwarteten Chancen dieses doch langen Jahrhunderts reden können – hier die früh Belehrte, dort der später Belehrte.

Doch das lassen weder die Regie der Veranstaltung noch Fischers Temperament zu. Gary Smith, Leiter der American Academ ergeht sich zuerst in jenen Festivitätsfloskeln, wie sie Amerikanern so leicht über die Lippen gehen „great privilege“, „distinguished guests“ etc. Bevor Madeleine Albright richtig loslegen konnte, brach Smith die Buchvorstellung ab. Um den lange schweigenden Fischer in das Geschehen zu integrieren, bringt er das Ereignis, das Albright und Fischer zusammen brachte und zu Freunden werden ließ, auf die Tagesordnung: den Kosovo-Krieg. Und sofort wird das Ganze zu einem außenpolitischen Proseminar.

Durchaus plausibel rechtfertigte Fischer den damals wie heute heftig kritisierten Krieg mit der schlauen Gegenfrage, wie es heute wohl auf dem Balkan ohne den Krieg aussähe. Schlechter natürlich, die Furie des Nationalismus ginge weit heftiger um, als sie es noch immer tut. Nicht zu vergessen: Ohne die Anwesenheit der Bündnistruppen im Kosovo hätte Mazedonien zum Pulverfass werden können und Bulgarien, Griechenland, die Türkei unversöhnlich auf den Plan gerufen. Und Fischer gibt sich am Ende vor allem skeptisch: Die Risiken militärischer Interventionen im Interesse der Menschenrechte seien in aller Regel unverhältnismäßig hoch, es gebe – siehe Syrien – in aller Regel „only bad options“. Und dann sein Mantra. Es spricht der Mahner, der anders als Krethi und Plethi im Besitz höheren Wissens ist: mehr europäische Integration, der nationalistisch getriebene „confrontation mood“ sei die größte Gefahr für den Kontinent. Düster, alternativlos und recht freudlos.

Das Publikum, das in Berlin genügsam ist und die mageren Späße der diskutierenden Prominenz gerne mit breitem Lachen belohnt, lässt die verschenkte Chance geduldig über sich ergehen. Es ist ja auch noch zu spüren, dass zwischen Frau Albright und Joschka Fischer einmal Funken geflogen sind. Und es ist Madeleine Albright, die den alten Fischer sichtbar macht. Als sie dessen positive und innovative Rolle bei den Kosovo-Gesprächen erklären will, sagt sie in einer wunderbaren Wendung, wie sie nur das Englische zur Verfügung hat: „The appearance of Joschka Fischer made all the difference.“ Das war Champagner statt Brause.

Es ist Madeleine Albright, die sich am Ende die Veranstaltung noch einmal in lichtere Gefilde aufschwingt. Auf Vaclav Havel angesprochen, vergegenwärtigt sie in wenigen Strichen den Charme, der einst von der samtenen Revolution der Dichter und Heizer ausgegangen war. Nach einer Begegnung mit ihm habe sie die Prager Burg verlassen und auf der Brücke über die Moldau habe sie plötzlich das Gefühl gehabt, sie sei nie aus Prag weg gewesen. Und sie preist Havel, dafür, dass er die Größe hatte, sich im Namen seines Volkes für die Verfolgung und Ermordung von Deutschen nach 1945 zu entschuldigen. Nicht seine geringste Stärke sei dies gewesen: „He knew how to forgive.“