Ausstellung

„Aus Protest gute Laune haben“

In der Villa Schöningen zeigt Marcel Eichner rätselhafte Werke

Draußen, wo die Königsstraße so lang und breit in Richtung Potsdam verläuft, ist Insektenwetter. Die Luft ist feucht und die kleinen Viecher fliegen jetzt überall herum. Dann kommt die Glienicker Brücke und man meint, dass sich in der Mitte, spätestens aber beim Überqueren des Wassers unmittelbar und sofort etwas ändern müsste. Aber die Tiere stecken auch dort ihre Rüssel in die Blumen und Marcel Eichner streicht sich auf dem Dach der Villa Schöningen den Schlaf aus den Gliedern.

„Die Villa Schöningen Bilder“ heißt seine kurze Schau, die nur zehn Tage dauert. In dem Gebäude im italienischen Stil, das einst für den Hofmarschall des Prinzen Carl von Preußen, Curd Wolfgang von Schöning errichtet wurde, werden zwölf neue Arbeiten von Eichner in den Kontext der abstrakten Malerei der 50er und 60er Jahre gestellt. Eine Etage drüber sind dann die Werke von Max Ackermann, Carl Buchheister oder Otto Greis zu sehen. Die Rentner, die vor dem Haus unter dem wachenden Blick der weißen Minerva das Stück Mauer anschauen, bemerken gar nicht, wie der Maler in seinem blauen Hemd und dem lockigen Haar über ihnen seine Arme kreisen lässt. Eine Drehung mit dem Rumpf. Es knackst bestimmt. Von weitem sieht man, er muss ein bisschen schmunzeln. Und keiner kann in diesem Moment anders, als dem Maler dort oben fröhlich zu zuwinken.

Meisterschüler von Immendorff

Er steht jetzt im Erdgeschoss, das ganz niedrige Decken hat. Groß ist er. 35 Jahre alt. Ehemaliger Meisterschüler von Immendorff. In Siegburg geboren. Ein schönes Gesicht. Auf die eine Hand ist mit blauem Filzstift eine Emailadresse geschrieben. Sein einer Socken ist rot, der andere grün.

Im Eingangsbereich hängt „Black Box“. Vom Material her typisch Eichner. Gouache, Acryl und Tusche. Viel Schwarz, dazwischen Steifen von Weiß, ein wenig von seinem Lieblingsgelb. Ein Gedankenstrom, ein Kreisel, ein Mixer der Assoziation. Aber alles andere als düster. Eichners gegenstandslose Kunst wird zur Projektionsfläche der eigenen Fantasie. Das menschliche Gehirn funktioniert nun mal so, dass es in allem irgendeinen Sinn sehen will. Und so werden Schwarz und Weiß auf Leinwand Kinderalbträume, Formengewitter und letztendlich doch etwas Reales, man meint eine Gans zu erkennen in diesem Schnörkel.

Im ersten Raum, durch die Fenster hindurch sehen wir auf einen Garten, einen prächtigen Lustgarten. Bäume stehen dort. Die Baumkronen sind noch nicht begrünt. Eichner erzählt, wie er sich früher mal vorgestellt hat, dass die Kronen die Wurzeln sind und wir in Wahrheit unter der Erde leben. Und vor dem zweiten Bild stehend meint er: „Für mich ist es nicht unbedingt schön, zu malen. Komisch, warum mache ich das? Das ist auf jeden Fall so etwas wie ein Kampf. Aber ich will nicht pathetisch darüber reden. Manche müssen früh aufstehen. Ich muss Bilder malen.“ Es ist faszinierend, seiner Stimme zuzuhören. Tief ist sie, etwas brummig. Eichner ist zugleich kindlich begeistert und erwachsen ernüchtert. Sein Arbeitsraum in Kreuzberg am Wasser ist sein Zufluchtsort. „Wenn ich verzweifle oder mit der Welt nicht zurecht komme, bin ich froh ein Atelier zu haben, in dem ich wirklich verrückt sein kann.“ Wie schön, verrückt sein auf Leinwand doch aussehen kann. Aber nicht nur schön. Eichners Bilder sind fordernd. Es ist anstrengend, mit ihnen in Kontakt zu treten. Im positiven Sinne.

„So viel Spaß ist Malerei nicht. Das ist eine Illusion. Matisse wurde irgendwann leicht. Aber der war querschnittsgelähmt oder hatte eine Herzkrankheit. Man muss dann anfangen, das System andersrum aufziehen. Aus Protest gute Laune haben.“ Zack. Wieder so ein Eichner-Satz. Dabei schauen wir auf sein Bild, in dem ein Smiley durchs Fenster will, aber nicht rein darf. Auf dem Boden liegt ein Käsekuchen und wieder steht da so eine seltsame, gesichtslose Gestalt am Bildrand.

Gegenüber abertausende von Uhren. Der Maler selbst trägt keine. Er findet die Vorstellung von Uhren seltsam. Das sieht man, weil auf den gemalten Uhren lauter Quatsch draufsteht. Und er flüstert das Wort „Momo“. Das Einzige, was er noch vor Augen hat, ist diese Schlange. „Seltsam, dass die ganze Erinnerung an den Film, das Warten in der Schlange ist. Und es ist nicht ganz sicher, dass man vom Film nicht doch etwas mitbekommen hat.“ Aber das große Bild hinter Momo ist bei Eichner nur diese Schlange vor dem Kino. Wir rauchen eine letzte Zigarette. Zigaretten haben ihm nie wieder so geschmeckt wie beim allerersten Zug. Aus der feuchten Luft fängt er ein Insekt in seiner holen Hand. Er horcht hinein, lässt es wieder frei.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam. Do/Fr 11-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Bis 28. April.