Konzert

Leichtfüßigkeit ist anders

Irgendwie verkrampft: Lana Del Ray ringt im Velodrom um Wort, Atem und Wohlklang

Als das Pfeifen und die ersten Buh-Rufe im Velodrom lauter werden, so laut, dass es in den Ohren klingelt, ist es zehn nach neun. Die Allerersten waren schon um halb sieben gekommen. Wer mehr als zwei Stunden bei einem Wetter in einer Halle steht, bei dem im Volkspark Friedrichshain gegenüber ganz Berlin den Sommer direkt nach dem Winter zu feiern scheint, das müssen noch echte Fans sein. Rauch zieht von drüben über die Halle. Bratwürste, Hot-Dogs und Buletten werden, je länger das Warten dauert, immer beliebter.

In ihre Flagge gehüllt

Wie Lana Del Rey, dieses unnahbare, steife Elfenwesen mit dem altmodischen Gesicht dann singt, dass eine Stelle ihres Körpers wie Pepsi-Cola schmeckt, sind die Jubelschreie groß. „Cola“ heißt ihr erster Song. Ihr Kleid ist weiß. Die Streicher spielen ein sanftes Flirren. Ein tiefes Trommeln. Ein Marsch. Eine absurd obszöne Hymne auf ein Amerika, von dem sich die Leute hier sagen, dass könne gar nicht so sein, weil das so übertrieben scheint.

Elisabeth Grant, so heißt die 26-jährige Sängerin eigentlich, singt von einer Nation, die in ihre eigene Flagge gehüllt zu Bett geht. Dabei stakst sie ungelenk zum Publikum herunter. Das Kreischen der Fans dringt durch ihr Mikrofon wieder zurück in die Halle. Angestachelt und berauscht von der eigenen Stimmgewalt rufen sie noch lauter. Del Rey grinst einmal schüchtern in die Kamera, die ihr Antlitz vergrößert auf zwei Leinwände überträgt. Ihre Lippen sind groß. Und manchmal singt sie gar nicht bei diesem ersten Song, sondern genießt nur das Kreischen. Dann hört man ihren Atem durch das Mikrofon.

Ihre Haut ist blass wie von diesem Mädchen, dass in Horrorfilmen immer irgendwo auftaucht. Schön, aber doch irgendwie seltsam und verstörend. Es scheint so, bei diesem Konzert, mit neuntausend Menschen, als sei jeder Ton, jede Note ein Kampf um Frequenz und Richtigkeit. Del Rey kennt keine Leichtfüßigkeit. Man sieht ihr das Ringen um Wort, Atem und Wohlklang an.

Unweigerlich will man in ihren Kopf schauen. Sie stimmt Nirvanas „Heart Shaped Box“ an. Ausgerechnet Nirvana. Diese Band aus den Neunzigern aus Seattle, die gegen Puritaner, gegen Homophobie, gegen Sexismus und gegen vieles waren, wofür die 50 Staaten aus ihrer Sicht standen. Del Rey, die Katholikin, die Frau mit der klassischen Rollenverteilung. Die Sängerin, deren gezeichnete Welt aus folgenden Koordinaten besteht: „Blue Jeans“, so heißt der vierte Song, den sie an diesem Abend singt. Computer spielen und Bier trinken wie in „Video Games“, der Song, dem sie ihren Durchbruch zu verdanken hat. Amerikanische Flaggen, amerikanische Flaggen und noch mehr amerikanische Flaggen, die Verstärker des Gitarristen sind darin eingewickelt, auf einer Leinwand hinter ihr wehen ständig Stars and Stripes.

Aber viel sagt sie nicht. Zu einem „Keep it Rock'n'Roll“ ringt sie sich nach dem Nirvana-Song durch. Ein „Thank You“ folgt darauf. Große Symphonien singt die New Yorkerin den ganzen Abend. Wuchtig wie Wagner. Stramm. Überbordend. Größenwahnsinnig. Aber auch monoton. Lana Del Rey hat viel mit Rammstein gemeinsam. Beide Konzepte beruhen auf einer unendlichen Übertreibung der nationalen, kulturellen Identität. Rammstein geben zu rollendem R die marschierenden Massen, die kriegerisch, maskulin sind. Del Rey, die von ihrem letzten Album über 3,4 Millionen verkauft hat, stilisiert die Sechziger-Jahre-Frau, die durch Aussehen, Baked Beans und roten Lippenstift Typen wie James Dean zum Durchdrehen bringt.

Die Idee Del Rey klingt herrlich nostalgisch. Ein altes Radio. Warme Farbfilter. Es riecht nach gerösteten Marshmallows. Deshalb verkauft sich diese Idee auch so gut. Aber heute Abend in dieser Halle riecht es nach vielen Menschen und Wurst.