Musik

Eine unglaubliche Erlösungsgeschichte

Snoop Dogg ist der gefürchtetste Rapper der Westküste. Bis er Reggae entdeckt, sich Snoop Lion nennt, und Liebe predigt

Adiletten sind vielleicht nicht das richtige Schuhwerk, um zu Mutter Erde hinabzusteigen. Hinunter ins karibische Tal der Erleuchtung, wo das heilige Gras wächst, den Jüngern des Rastafari-Kults zum Rauchgenuss. Ups, da rutscht er aus, der weltberühmte Besuch aus Los Angeles, und fällt fast auf den Hintern. Dass er wie stets bekifft ist, fördert nicht gerade den Gleichgewichtssinn: Der Rapper Snoop Dogg, bürgerlich Calvin Broadus Jr., stolpert mit einer Gruppe Einheimischer durch Jamaikas Dschungel. Er ist auf einer Mission: Selbstbekehrung. Und so stolpert er weiter, bis die Gruppe angekommen ist im versteckten Cannabis-Feld. Da schmauchen alle erst mal ein Pfeifchen Frischgeerntetes.

Als Betrachter dieser Szene am Anfang des Dokumentarfilms „Reincarnated“ über Snoop Dogg, der sich neuerdings Snoop Lion nennt, fragt man sich, ob man dessen stumpfes Gelaber nüchtern überhaupt lange ertragen kann. Der einstige Gangsta-Rapper, der 1993 schlagartig berühmt wurde als Gast auf Dr. Dres epochalem Hip-Hop-Album „The Chronic“, will nicht mehr von Gewalt und Verbrechen erzählen, von leichten Mädchen und schweren Jungs; Snoop will Frieden schaffen mit Worten statt mit Waffen. Und dafür ist er im vergangenen Jahr an die Geburtsstätte des Reggae und des Rastafari-Glaubens gereist. Bloß vom Cannabis will Snoop nicht lassen. Geraucht wird fortan nicht mehr zur Entspannung, sondern zu Selbsterkenntniszwecken. Ein Filmteam des internationalen Szenerevolverblatts „Vice“ hat Snoop auf der Reise nach Jamaika begleitet. Je länger der dabei entstandene Dokumentarfilm „Reincarnated“ dauert, umso mehr geschieht das Unglaubliche: Alles fügt sich tatsächlich zu einer berührenden Erlösungserzählung.

Die Geschichte von Snoop, so wie er sie selbst erzählt im Film, ist eine typische L.A.-Gangster-Ballade: von einem, der ewig hineingezogen wurde. Er bekennt sich letztlich zum Mitläufertum. Als Jugendlicher war er noch ein ambitionierter Football-Spieler, aber das Geld war knapp zu Hause, einen Vater gab es nicht, und die Alternativen waren klar: „1500 Dollar pro Nacht mit Dealen verdienen oder acht Dollar die Stunde mit Aushilfsjobs.“ Die Musik wird der Ausweg, doch das Verbrechen verschwindet nicht, der Tod begleitet Snoop: Als Erster stirbt sein Freund und Kollege Tupac Shakur 1996 im Kugelhagel, und viele Beerdigungen später, 2011, stirbt sein Freund und Kollege Nate Dogg, an einem Schlaganfall zwar, seinem dritten, aber tot ist tot.

Das ist der Moment, so rekonstruiert es „Reincarnated“, in dem es Snoop Dogg reicht. Und so sitzt er irgendwann in Jamaika und bastelt sich seine Lebens- und Liebestheorie zusammen: „Wir verlieren so viele Musiker! Wir lieben sie nicht, während sie hier sind auf Erden, wir lieben sie erst, wenn sie nicht mehr da sind. Ich aber will zu Lebzeiten auf Erden geliebt werden, und der einzige Weg dahin ist, selbst Liebe zu geben.“

Das Album „Reincarnated“ erscheint am 19. April bei Sony Music. Am selben Tag läuft der Film am Potsdamer Platz