Lars Eidinger

„Das Wort Liebe ist eine leere Blase"

Schauspieler Lars Eidinger inszeniert an der Schaubühne „Romeo und Julia“. Ein Gespräch

Am Schauspieler Lars Eidinger kommt man in Deutschland nicht vorbei. Mit seiner Rolle als Hamlet ist er das Gesicht der Schaubühne geworden, und durch seine Auftritte in Kinofilmen wie „Alle Anderen“ und dem Tatort „Hauch des Todes“ längst einem großen Publikum bekannt. Als Regisseur inszeniert er an der Schaubühne Shakespeares „Romeo und Julia“, am Mittwoch ist die Premiere. Bei den Proben in einer Lagerhalle in Reinickendorf spricht Jan Schapira mit Lars Eidinger über seine Vision von Theater und über die Liebe.

Berliner Morgenpost:

Von der Bühne in die Regie. Wie kommt es?

Lars Eidinger:

Als Schauspieler muss man sich oft den Ideen des Regisseurs unterordnen. Es kann zwar schön sein mit den Fantasien Anderer konfrontiert zu werden, aber es ist immer auch Kompromiss. Ich bin jetzt an dem Punkt, dass ich Lust habe, Dinge, die mich an anderen Inszenierungen stören, anders zu machen.

Braucht das Publikum wirklich eine weitere „Romeo und Julia“-Inszenierung?

Die Balkon-Szene aus „Romeo und Julia“ ist das Theater-Klischee. Ich wollte dieses Stück machen, weil es mir die Möglichkeit gibt, das Theater an sich zu hinterfragen. In vielen zeitgenössischen Produktionen wird den Mitteln des Theaters nicht mehr vertraut, ständig wird Video bemüht, man misst sich am Film. Aber der Trumpf des Theaters ist, dass unmittelbar jemand vor dem Publikum steht und spielt. Kindertheater ist mein großes Vorbild. Wenn sich ein Kind auf die Bühne stellt und sagt, ich bin im Wald, dann glaubt man das. Es braucht dazu keine Bäume auf der Bühne. Der Satz allein reicht aus.

Also Theater ohne technische Hilfsmittel?

Ich will einen offensiven und ehrlichen Umgang mit den Mitteln. Heute haben wir geprobt, wie Julia sich am Grab von Romeo absticht. Sie hat einen Schlauch im Kleid und da spritzt Blut raus. Natürlich sieht jeder Zuschauer die Requisite, aber jeder hat doch selbst Bilder im Kopf von einer Halsschlagader aus der Blut suppt. Der Umstand, dass ich die Requisite sehe, macht das Theater doch nicht unglaubwürdig. Im Gegenteil, es macht es ehrlicher. Für mich geht es immer um die Projektion und Fantasie des Zuschauers.

Und dazu braucht es „Romeo und Julia“?

Ich sehe in dem Stück etwas, von dem ich glaube, dass es noch nicht gezeigt wurde. Liebe – das Phänomen, nach dem alle Sehnsucht haben, aber man kaum benennen kann, was es genau ist. Ich bin von der Verklärung dieser Idee fasziniert. Das Wort ist wie eine leere Blase. Und diese Blase will ich zerplatzen lassen und konkrete Sehnsüchte aufzeigen. Wenn Romeo unten an Julias Balkon steht und sie zu überreden versucht, ihn hoch zu lassen, dann geht es um sexuelle Sehnsüchte. Meine Schauspieler sagen oft, es könne nicht nur um Sex gehen, die müssten doch auch verliebt sein. Aber ich glaube, da täuscht man sich. Das ist genau diese Verklärung. Miteinander zu schlafen, sich zu vereinigen, das ist das Größte und Schönste was es gibt. Das ist greifbar, konkret, das ist keine Blase, und damit kann ich etwas anfangen.

Das ist dann Liebe?

In der von uns verwendeten Shakespeare-Übersetzung von Thomas Brasch fragt Romeo auf dem Maskenball: wer ist das Mädchen da? Als er hört, dass Julia aus der verfeindeten Capulet-Familie ist, verliebt er sich. Er verliebt sich, gerade weil sie unerreichbar scheint und dadurch an Reiz gewinnt. Was wir mit Liebe beschreiben, dass wird nur dadurch entfacht, dass er sie nicht erreichen kann. Das ist für mich das Greifbarste, was Liebe ist. Romeo und Julia, das ist keine Liebesbeziehung. Die kennen sich doch gar nicht.

Ist es Ihre Aufgabe, als Regisseur den Schauspielern Ihr Verständnis von Romeo und Julia zu übersetzen?

Ja. Als Regisseur bleibe ich immer verkrampft, weil ich hoffe, dass die Schauspieler verstanden haben und zeigen, was mir wichtig ist. Die Schauspieler dürfen nicht in das Klischee der verklärten, romantischen Liebe zurückfallen.

Gehen Sie mit einer klaren Vision vom Stück in die Probenarbeit?

Nein, ich habe keinen Masterplan, mit dem ich in die Produktion gehe.

Wie gestaltet sich für Sie dann die Arbeit mit den Schauspielern?

Als wir das Modell der Bühne fertig gestellt hatten, konnte ich das ganze Stück mit allen Details durchspielen. Aber dabei bleibt es nicht. Während der Proben lasse ich mich von den Schauspielern inspirieren und viele Ideen fallen mir auch dann erst ein. Und es ist ein Glücksmoment, wenn die Schauspieler etwas Eigenes in das Stück einbringen, dass mir vorher nicht klar war und alles noch reicher wird.

Ist es dann eine demokratische Zusammenarbeit mit den Schauspielern?

Nein. Ich sehe mich als Diktator. Mit Demokratie kann ich beim Regie führen nichts anfangen. Dafür ist meine Meinung von Schauspielern nicht hoch genug. Ich finde es häufig erschreckend, festzustellen, wie wenig Gedanken sich die Schauspieler machen. Ein Schauspieler sollte in jedem Moment über jeden Satz des Stückes wissen, was mit ihm gemeint ist und in welchem Verhältnis er zum Ganzen steht. Aber ich kenne Kollegen, die wissen das gerade Mal von ihren eigenen Sätzen. Ich will die Schauspieler provozieren, sich mehr Gedanken zu machen und sie dazu bringen, dass sie wissen, was sie mit ihren Rollen ausdrücken wollen.

Was ist mit dem letzten Satz gemeint?

Als ich vor 15 Jahren am Deutschen Theater anfing, hieß es oft, dein Privatscheiß interessiert nicht. Ein Riesenmissverständnis. Wenn etwas interessiert, dann der private Scheiß. Ich will in „Romeo und Julia“ in jedem Moment Schauspieler sehen, die sich ausdrücken wollen. Dass wir bei der Premiere einen Romeo erleben, bei dem sich seltsam der Anspruch von Moritz Gottwald – dem Romeo-Darsteller – als Person und mit dem Anspruch der Figur Romeo mischt. Dass es Momente gibt, in denen das Persönliche durchbricht, und wir ihn auf der Bühne mit echter Verzweiflung erleben. Und er die Figur nur als ein Vehikel benutzt, um sich auszudrücken.

Spielt das Publikum in Ihren Überlegungen eine Rolle?

Ich denke die ganze Zeit an die Zuschauer. Ich inszeniere „Romeo und Julia“ für die Zuschauer, sonst müsste ich es ja nicht öffentlich machen. Ich glaube, es ist die Aufgabe von Theater, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen und die Ergebnisse dessen zu präsentieren. Als Künstler ist es stimulierend, etwas zu schaffen, dass bei den Leuten Reaktionen auslöst, sie anregt oder provoziert, das den Dialog eröffnet.

Wirft gutes Theater dann Fragen beim Publikum auf?

Nein. Ich hasse das zeitgenössische Theater, das nur Fragen stellt. Ich will Antworten. Das Theater soll sich nicht klein machen, ich bilde mir ein, dass ich Antworten geben kann. Ein Theater, das die Frage, will soll ich leben, nicht beantwortet, ist überhaupt kein Theater.

Dann zum Abschluss noch, sind Sie tatsächlich der beste Schauspieler?

Mir gefällt es, als der größenwahnsinnige Typ von der Schaubühne zu gelten. Aber wenn ich in Rezensionen lese, Lars Eidinger gilt als der beste Schauspieler seiner Generation, denke ich, was für ein Schwachsinn. Theater ist kein Sport. Es ist nicht messbar. Es gibt keine Latte, über die einer springen kann und andere nicht. Vielleicht kann ein Schauspieler für das Publikum glaubwürdiger sein als andere. Aber was soll das sein, der beste Schauspieler?

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Charlottenburg. Tel. 890023 Termine: 17. (Premiere), 18., 20. April, 13., 14., 17.-19. Mai