Biografie

Egon Schiele: Die frühen Jahre des Malergenies

Von den vielen „Frühvollendeten“ an der Schwelle zur Moderne war Egon Schiele, der nur von 1890 bis 1918 lebte, wahrscheinlich die größte Hoffnung.

Schon der Zehnjährige stach durch seine malerische Begabung hervor. Sie wurde von Anfang an gefördert, und zum ehestmöglichen Zeitpunkt bestand das Junggenie die Aufnahmeprüfung für die Akademie: Er war sweet sixteen, als er dort einzog. Jedoch hielt es ihn nicht lange in der Zwangsanstalt, wie er sie empfand. So trat er denn mit 19 Jahren wieder aus und gründete mit weiteren „jungen Wilden“ die „Neukunstgruppe“. Dadurch erhielt die Bewegung der künstlerischen Sezessionen um 1900 eine besonders verheißungsvolle neue Variante.

Schnell wurde nun der große Star der Wiener Malerei auf ihn aufmerksam. Und selten genug in der Geschichte: Gustav Klimt empfand den deutlich Jüngeren nicht als Konkurrenten, sondern förderte ihn wie einen Sohn, den er nicht hatte. Schnell stieg der Stern des Protegierten auf: Noch vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt er seine erste Einzelausstellung. Sein Ruhm wuchs beständig und war im Jahr seines Todes, 1918, auf dem Höhepunkt. Gustav Klimt war im Februar des Jahres gestorben, und Egon Schiele galt nunmehr als sein Nachfolger. Jedoch noch bevor der Krieg zu Ende war, raffte den armen Mann am 31. Oktober die Spanische Grippe hinweg. Eine der großen, glanzvollen jkKarrieren in der Kunstgeschichte war damit beendet.

Bei einem so kurzen Leben mag es ein bisschen skurril erscheinen, in einer Monografie nur seine ersten 19 Jahre zu behandeln. Aber bei näherem Hinsehen erweist sich die Idee als gar nicht so dumm: Die These, dass sehr früh im Werk von Schiele sich die stilistischen Eigentümlichkeiten seines „Spätstils“ zeigen, kann anschaulich nachgewiesen werden.

Sie führt auch bald zu einem weiteren Aspekt, der dieses Buch dann vor allem interessant macht. Gemeint ist die Fragestellung: Wie kam das? Durch welche Umstände und Entwicklungen vermochte dieser Mann aus einer keineswegs sonderlich kunstaffinen Familie sich so früh „ganz auszubilden, wie er da war“. Und siehe da, es hatte etwas mit der Familie zu tun.

Christian Baue (Hg.): Egon Schiele. Der Anfang. Hirmer, München. 39 €.