Roman

Eine Frau räumt mit Legenden auf

Erst nach 200 Jahren erscheint der erste Roman zur Völkerschlacht in Leipzig: Sabine Eberts „1813“

Wir geben zu, unser Geschichtsunterricht ist schon lange her. Und so ganz genau haben wir auch nicht aufgepasst. Wie war das noch mal 1813 in Leipzig? Wer kämpfte da genau gegen wen? Und war Napoleon wirklich nur der Bluthund, der eine verheerende Spur durch deutsche Lande zog? Oder hat er nicht auch die Säkularisierung gebracht und letztlich die deutsche Kleinstaaterei erledigt? Sekundärliteratur zur Völkerschlacht vom 16. bis 19. Oktober 1813 gibt es zuhauf, schreckt aber mit seiner schier unüberschaubaren Informationsflut erst recht.

Nun gibt es noch einen anderen, dem Laien wohl zugänglicheren Weg. Sabine Ebert hat just zum Jubiläumsjahr – die Schlacht jährt sich zum 200. Mal – einen Roman geschrieben. Es ist der erste, der sich je mit dem Befreiungskrieg befasst hat. Das ist umso erstaunlicher, als hier doch Deutsche gegen Deutsche gekämpft haben, die Sachsen nämlich und Württemberger, die mit Napoleon verbündet waren, gegen die Preußen und Österreicher, die Russland und Schweden die Franzosen zurückdrängen wollten. Ein Stoff, der sich geradezu aufdrängt.

Man kann sich ausmalen, was für ein Schlachtengedöns das in früheren Zeiten hätte werden können, womöglich von pathetischen, deutschnationalen Tönen getragen. Aber nein. „1813 – Kriegsfeuer“ ist weit von jeder Schlachtverklärung entfernt. Das Buch wurde von einer Frau geschrieben, die das Thema wohl von vornherein anders anging. Und wird auch aus der Perspektive einer Frau geschildert.

Das Genre auf den Kopf gestellt

Gleich drei Männer nämlich buhlen um die junge Jette im sächsischen Freiberg: ein verwundeter preußischer Premierleutnant, den sie im Lazarett pflegt; ein ansässiger Mineralogie-Student, der sich später dem legendären Lützowschen Freikorps anschließt, und ein französischer Séconde-Leutnant, der als Besatzer in ihrem Hause einquartiert wird. Das ist natürlich ein wenig kolportagehaft, aber von dort aus ziehen sich die Handlungsstränge eben quer durch Sachsen, bis all diese Figuren am Ende in Leipzig aufeinandertreffen. Einschließlich Jette, die sich auch dort um die Verwundeten kümmert.

Da ist nichts von Hurrapatriotismus, Heldenglorifizierung oder Freiheitspathos. Sabine Ehlert macht von Anfang an deutlich, dass es den Monarchen von Russland, Preußen und Österreich zu keiner Zeit um eine gemeinsame politische, europäische Lösung ging, sondern nur um persönlichen Landesgewinn. Sie stellt die entscheidende Schlacht, bei der sich 500.000 Soldaten gegenüberstehen, als einen ersten Weltkrieg dar. Und malt nicht nur das Los der Soldaten in allen Facetten aus, sondern auch das der Verwundeten, die zurückbleiben. Und das der Zivilpersonen, die unter den wechselnden Besatzungen am meisten leiden, weil die Schlachten eben nicht nur auf freiem Feld ausgeführt, sondern in die Städte hineingetragen werden.

Dabei kam Sabine Ebert zu diesem Stoff, dieses ausgelutschte Klischee macht hier durchaus einmal Sinn, wie die Jungfrau zum Kinde. Die Schriftstellerin hat sich auf historische Romane spezialisiert, schrieb bislang aber Bestseller über eine Hebamme im Mittelalter. Quasi das feministische Gegenstück zu Noah Gordons „Medicus“. Das Angebot, einen Roman über 1813 zu schreiben, wurde ihr vor drei Jahren vom Verband Jahrfeier Völkerschlacht gemacht. Sie war erst mal überrascht. Und schreckte vor der immensen Recherche zurück. Aber dann reizte sie die Herausforderung gerade, sie zog sogar eigens von Freiberg nach Leipzig um.

Historische Romane funktionieren ja gewöhnlich so: Man nimmt sich eine bestimmte Zeit vor, denkt sich einen Plot aus und lässt auch ein paar historische Figuren am Rand auftauchen, in frei erfundenen Szenen. Die Story siegt da stets über Historie. „1813 – Kriegsfeuer“ ist jedoch komplett andersrum konzipiert. Erst mal hat sich die Autorin durch Tausende Seiten Sekundärliteratur gearbeitet. Dann hat sie so viele Zeugenaussagen wie möglich zusammengesammelt, Zeitungen, Tagebücher, Briefe, die sie puzzleartig ausgebreitet hat. Dann erst hat sie sich eine Rahmenhandlung ausgedacht, die so viele Ereignisse wie möglich verbindet. Literarische Freiheit sieht anders aus. Auch bei ihr treten Napoleon und die anderen gekrönten Häupter auf. Aber all diese Szenen sind verbürgt und verbrieft.

Das Genre hat sie damit auf den Kopf gestellt. Unter zusätzlichem Druck stand Ebert auch, weil ihr Buch ganz klar im Gedenkjahr 2013 erscheinen musste. Aber der fast 1000-seitige Wälzer wurde nicht nur pünktlich zur Leipziger Buchmesse fertig; die Autorin sitzt bereits an einer Fortsetzung, wie der Wiener Kongress das Europa nach Napoleon neu ordnet.

„1813 – Kriegsfeuer“ ist nun sozusagen das Pendant zu Tolstois „Krieg und Frieden“, der ja von Napoleons vernichtender Niederlage in Russland im Jahr zuvor handelte. Nun ist Tolstoi eine wahrlich hohe Messlatte, an die Ebert schon rein sprachlich in keiner Weise heranreicht. Sie steht sich quasi selbst im Wege. Wo so viele Autoren historischer Romane irgendwann kühn die Fakten beiseite lassen, um ihre Fiktion mit Leben zu füllen, skizziert sie ihre Figuren nur mit wenigen Strichen, weil zu viele eine Rolle spielen und der Roman ständig von einem Schauplatz zum nächsten springt. Am Ende weiß sie ihre Geschichten kaum zu Ende zu bringen. Und doch: Während man sich heute nur noch schwer durch Tolstois 2000-Seiten-Klassiker und seinen teils doch sehr schal schmeckenden Patriotismus kämpfen mag, gelingt es Sabine Ehlert mit leichter Sprache, den Zuschauer anschaulich durch diese Zeit zu führen.

Eigentlich muss man ihr Werk denn eher mit einem anderen vergleichen, dem polnischen Sachbuch „1812 – Napoleons Feldzug durch Russland“, das 2012 erschien und allein in Deutschland über 70.000 Leser fand. Denn wie jenes Buch räumt auch Frau Ebert mit so mancher Legende auf. Die Lüge vom „Verrat“ der Sachsen etwa, die sich Napoleon als kriegsentscheidend zurechtbog, um die eigene Schmach kleiner zu machen. Die Mär vom hilflosen sächsischen König, der in Wahrheit seine eigenen, nur leider recht weltfremden Pläne verfolgte. Oder det Mythos vom Lützowschen Freikorps, das von der Romantik als die Freiheitskämpfer schlechthin verklärt wurde. hier aber als ziemlich chaotischer Haufen dargestellt wird. Da wird Geschichte nicht nur lebendig, sondern auch gleich noch korrigiert. Vieles aus dem Geschichtsunterricht haben wir wohl zu Recht vergessen.

Sabine Ebert: 1813 – Kriegsfeuer. Knaur Verlag, 926 Seiten, 24,99 Euro.