Konzert

Das neue, naive Selbstbewusstsein

Lena Meyer-Landrut im Postbahnhof: Grundsolide, jugendfrei und konsensfähig wie H&M

Wie es wirklich um Lena steht, ist sofort aus ihrer Ansage zum zweiten Song heraus zu hören. „Falls jemand Beschwerden hat, sofort bei mir melden.“ Natürlich gibt es keine. Denn wer zu Lena Meyer-Landrut geht, der will Lena. Dieses kleine immer süße Mädchen, im Mai wird sie ja schon 22, diese Hüpfnudel, die exemplarisch für eine Art des neuen, naiven Selbstbewusstseins steht. Genährt durch die Rollenbilder Kuttner und Roche, ist Lena Vorbild für alle, die glauben, Frechheit + X sei Kunst, sei Erfolg, sei sexy, sei Cabriofahren mit Kaugummikauen.

Die Mamas und Papas teilen sich den gut gefüllten Postbahnhof mit den Kindern aus dem Block, und der Teenager-Fanklub lässt die grünen Leuchtstäbe wippen. In der letzten Reihe stehen die Frauen von der Plattenfirma und der Konzertagentur. Turnschuhe, Mütze auf dem Kopf, irgendeine glitzernde Jacke mit einer glitzernden Tasche. Bier mit Zitrone trinken. Ab und zu mitwippen, und dann sagen: „Siehste, die hat sich weiterentwickelt. Viel deeper jetzt.“ Aber Lena sein, heißt Kind sein. Heißt immer vorm Spiegel die Gesten der versponnenen britischen Künstlerinnen nachmachen, die vor fünf Jahren groß waren. Also durchsichtiges Kleidchen in grün angezogen, ihr Sport-BH schimmert schwarz darunter, dann immer so knieeinknickend tänzeln, beide Arme nach oben flattern lassen. Zum Höhepunkt die X-Bein-Figur, ein komplizierter Drahtseilakt aus scheinbarer Ungelenkigkeit und Buddy-Holly-Zitat. Dazu „Uh, uh, uh, uh/ I’m not following you“ und ein steiler Reggae.

Die Figur Lena, die Marke Lena, die Musik von ihr können niemanden verschrecken. Lena ist das musikalische H&M: Unabhängig von speziellen Vorlieben findet man immer ein grundsolides Teil, das passt und bis zum nächsten Jahr nicht ausbleicht.

Lena singt mit einem Mädchen aus dem Publikum „Day to stay“ von ihrer letzten Platte „Stardust“, die vergangenes Jahr im Oktober erschienen ist. „Stardust“ ist der Versuch, sich von dem Brainpool-Mädel unter der Obhut von Stefan Raab zur eigenständigen Künstlerin zu entwickeln. Erstmals hat Lena bei der Mehrzahl der Songs mitgeschrieben. Produziert wurde das Album größtenteils von Swen Meyer, einem Typen aus Hamburg, der eher durch Indie-, Rock, und Songwriter-Platten von Bands wie Tomte, Kettcar oder Olli Schulz bekannt wurde. Und wenn man wegschaut, weiß man, warum Lena funktioniert. Zwischen dem überglücklichen Quietschen des Mädchens und dem routiniert, aber auch fröhlichen Kieksen von Lena gibt es kaum einen Unterschied. Lena gibt die gut erreichbare Identifikationsfigur. Anders als Rihanna oder Lady Gaga ist Lena da, greifbar und immer noch näher am Fan- als am Star-Sein dran.

Das funktioniert aber nicht nur bei denen, die noch Zahnspange tragen. Die Mutter im weißen Top und offenem Hemd ruft nach dem Tainted-Love-Cover zu ihrer Freundin: „Ick steh' ja eigentlich mehr auf Maffay, die Tabalugas, weeßte.“ Und als Antwort bekommt sie: „Mein letztes Konzert war Pur.“

Mit „Stardust“ holt Lena noch mal tief Luft zum großen Finale der Zugabe. „... Baby One More Time“ schriller, bunter und weniger sexuell als das Original. War bei Britney Spears immerhin schon die Zunge mit dabei, gibt es bei Lena einen Kuss auf die Wange. Zusammen lässt man den großen Zeh in den Badesee eintauchen und steckt seiner Eroberung ein Blümchen ins Haar. Am Ende gehen alle vollhappy nach Hause.