Serie: Die Berlin-Macher

Einmal Disc-Jockey to go, bitte

Zwei Berliner haben den Pokketmixer erfunden – ein kleines Mischpult. Produziert wird es in der Stadt und verkauft sich weltweit

Als Christian Komm seinem Freund Robert Thomalla 2009 zum ersten Mal von seiner Erfindung erzählt, ist dieser wenig beeindruckt. „Sorry, das Ding gibt es schon“, sagt er damals. Aber Komm bleibt weiter dran. Wenig später präsentiert er Thomalla den ersten Protoypen des Pokketmixers. Und Komm ist begeistert von diesem kleinen Kasten mit den sieben Drehreglern, den zwei Knöpfen und dem Schieber unten in der Mitte. Vier Jahre später sind die Freunde längst gemeinsame Geschäftspartner geworden. An der Schönhauser Allee U-Bahn-Station Eberswalder verkaufen sie seit Oktober 2011 den Pokketmixer, ein portables DJ-Mischpult, ein wenig größer als eine Zigarettenschachtel, welches dabei die drei elementaren Funktionen Überblenden, Vorhören und einen Equalizer mit Höhen-, Mittel- und Tiefenregulation mitbringt. Das Ganze kommt ohne zusätzliche Stromversorgung aus. Gefertigt wird der Pokketmixer nach wie vor in Handarbeit auf der Insel Eiswerder bei Spandau, gekauft wird er auf der ganzen Welt.

Ein cooler Laden ist das. Durch die Schaufenster blicken Robert und Christian direkt auf Konnopke’s Imbiss. Die U2 rattert vorbei. Dezente elektronische Musik kommt aus den Boxen, die in etwa drei Meter Höhe in den Ecken angebracht sind. Unverputzte, vielleicht sogar extra ein bisschen dreckig gemachte Wände. Weißer Tresen, vielleicht 25 Quadratmeter Verkaufsfläche und nur ein Produkt. Ihr Produkt.

Die Geschichte hinter dem Gerät klingt wie eine aus dem Ärmel geschüttelte Idee eines Lifestyle-Werbetexters. Christian Komm fährt also häufig nach Amsterdam mit dem Auto, um seine Freundin zu besuchen. Wenn er das so erzählt, kommt manchmal sein Allgäuer Dialekt durch. Aber Obacht, württembergisches Allgäu. Er sammelt noch ein paar Leute über die Mitfahrzentrale ein. Spart Geld und man hat jemanden zum reden. Christian ist damals selbstständiger Eventmanager, Robert kennt er aus der gemeinsamen Zeit in einer Eventagentur. Dazu legt er an den Wochenenden noch als DJ auf, aber nicht in den Clubs, sondern auf Familienfesten und Betriebsfeiern. Deswegen interessiert es ihn, was seine Mitreisenden hören. Aber das mit dem Umstecken ist so umständlich. Außerdem haben die sich so gestritten, dass er beschließt, sich so einen kleinen Mixer zu kaufen. Irgendwo im Internet. Blöd nur, dass es dieses Gerät wirklich nicht gibt. Weil Komm vor seiner Eventmanager-Laufbahn Radio- und Fernsehtechniker gelernt hat, dazu Tontechniker ist, macht er sich daran, aus zusammengekauften Bauteilen den ersten Pocketmixxer zu bauen.

Inzwischen gibt es diesen Mixer in lila, rot, gold, blau, schwarz mit Union-Jack und sogar in Band-Editionen wie von The Gaslight Anthem oder Billy Talent. Der Hauptgedanke neben dem tatsächlich praktischen Nutzen – eben keine zusätzliche Stromversorgung zu brauchen, man kann einfach zwei Mp3-Player mit dem Mixer verbinden und diese an eine Anlage oder portable Boxen anschließen – ist schließlich die Idee von Robert Thomalla, das von sich aus technische Gerät als Accessoire mit Attitüde zu vermarkten. „Ich wollte Sex-Appeal in das Produkt reinbringen“, ruft er durch den Laden. „Sex-Appeal!“ Dabei hat er nicht nur diese Idee gehabt. Als gelernter Werkzeugmacher konnte er die notwendigen Arbeitsgeräte herstellen, die die Großproduktion des Mixers ermöglichen.

Zur Finanzierung nimmt Christian Komm einen Kredit auf. 25.000 Euro für die erste Produktionslinie. Aber zur finalen Bewilligung will die Bank noch Kaufabsichtserklärungen aus dem Handel. „Ich hatte aber keine Patente für meinen Mixer, weil die Anmeldung zu teuer war“, und deswegen versucht Komm nicht, DJ-Geschäfte oder Elektronikmärkte zu gewinnen, um diesen Zettel unterschreiben zu lassen. Zu groß ist die Angst, dass seine Idee kopiert werden könnte. An einem Wochenende geht er in lauter „Schnickschnack- und Geschenkeläden“, wie er diese Geschäftchen nennt, die es die Schönhauser und die Kastanienallee rauf und runter gibt. 25 Händler unterschreiben ihm die Absichtserklärungen, die Bank bewilligt den Kredit. Es kann losgehen. Am Ende verkaufen immerhin zehn Händler das Gerät für 89 Euro das Stück.

Noch immer ist Thomalla vorsichtig. Er hat einen guten Arbeitsvertrag. Dafür leichtfertig zu kündigen, wäre dumm. Als die ersten tausend Einheiten weg sind, ist auch er überzeugt. Er steigt in die GmbH ein. Ab jetzt ist auch er Vollzeitunternehmer. Der Durchbruch gelingt beiden auf der Bread & Butter 2011. Da haben sie einen Stand, zwei mal drei Meter. „Da haben wir finanziell noch mal richtig geblutet“, erinnert sich Thomalla. Und dann fragt sie der Standnachbar, ob sie nicht am nächsten Tag nach Paris mitfliegen wollen zu einer Messe. Christian Komm ist geflogen. Der Standnachbar ist inzwischen ihr Großhändler. Auch eine Frau lässt den beiden damals ihre Karte da. Und wenig später geht es nach Las Vegas zu einer der größten Messen für Lifestyle-Produkte, der „Project“. Inzwischen haben sie über 10.000 Geräte verkauft. Geschäfte in Chile, Frankreich, Japan, Amerika, England, China und den USA bieten ihr Produkt an.

Aber ihr Mixer kommt weiterhin aus Berlin. Die Oberflächeneloxierung, also die Farbschicht, kommt von Lechmann aus Neukölln, die Platinen werden von Grünwald aus Tempelhof hergestellt. Schließlich wird das Ganze auf der Insel Eiswerder zusammengebaut und hier im Prenzlauer Berg spielt die Musik. Und Robert und Christian wippen im Takt mit.