Klassik-Kritik

Stimme weg: Tenor Rolando Villazon bricht im Konzert ab

Gerade mal zwei Mozart-Arien, dann kann Rolando Villazon nicht mehr weiter singen.

Es muss der Albtraum eines jeden großen Sängers sein, Villazon hat ihn in seiner Karriere mehrfach durchlebt. Diesmal tritt Stardirigent Daniel Barenboim nach der Pause vors Publikum im Konzerthaus und entschuldigt den früheren Startenor, der an der Seite von Anna Netrebko weltberühmt wurde. Rolando Villazon sei seit einer Woche erkältet, sagt Barenboim, und jetzt ginge es eben nicht mehr. Eigentlich standen noch als europäische Erstaufführung sechs Lieder von Elliott Carter auf dem Programm. Aber die habe man gerade am Vormittag als CD eingespielt. Da lief noch alles gut. Barenboim verspricht dem Publikum im Saal, dass jeder, der sich an die Staatsoper wende, diese Carter-CD zugeschickt bekommt. Das ist eine schöne Geste, wenngleich sie wohl nicht viele Musikfreunde in Anspruch nehmen werden. Der Amerikaner Carter, der kürzlich 103-jährig verstorben ist, ist kein Repertoire-Hit.

Das Publikum wirkt nicht wirklich überrascht über Villazons kurzfristige Absage. Sie wird freundlich hingenommen. Mit seiner Disposition passt er nicht in dieses Programm, in dem Barenboim Mozart mit Carter kombiniert. Es ist ein Abend voller Leichtigkeit, gepaart mit virtuoser Spiellust. Die Staatskapelle mit seinen Orchestersolisten lebt es genussvoll aus. Selbst das Carter-Concertino für Bassklarinette kommt augenzwinkernd herüber. In seinen besten Zeiten wäre Villazon das Sahnehäubchen gewesen, wie er voller Charme und verschwenderisch seinen Tenor aufsteigen lässt. An diesem Abend wirken die Höhen gepresst, er hat hörbar Mühe, seinen Tenor überhaupt in der Linie zu halten. Es ist ein Trugschluss, dass jeder Verdi-Sänger gleichsam Mozart hinlegen kann. Während Verdi von der Übertreibung, den Schluchzern zehrt, braucht Mozart die Klarheit, Leichtfüßigkeit, die immer nach einer Struktur sucht. Villazon wirkt bei „Per pietà, non ricercate“ KV 420 und „Or che il dover - Tali e contanti sono“ KV 36 wie in der Anstrengung gefangen.

Absagen haben Villazon in seiner Karriere aufs Bitterste begleitet, bis die entdeckte Zyste auf seinen Stimmbändern wegoperiert werden konnte. Seit seinem Comeback 2008 steht er psychisch unter Druck. Er müsse „zwischendurch durchatmen“ und sich konzentrieren, „um die Ängste zu überwinden“, sagte er kürzlich im Interview mit der Morgenpost. Villazon zeigt sich kämpferisch. Das gestrige Konzert in der Philharmonie hat er gesungen, die Carter-Lieder zuerst.