Kinofilm

Diese Zukunft sieht ziemlich gestrig aus

Im Endzeitdrama „Oblivion“ kämpft Tom Cruise gegen das Vergessen – und gegen sich selbst

Der Titel ist Programm. Die Menschen sollen vergessen, und das ist im Science-Fiction-Drama „Oblivion“ (Kinostart 11. April) auch besser so. Immerhin haben Aliens einst die Erde angegriffen und in Schutt und Asche gelegt. Sie konnten zwar verdrängt werden, der Globus ist gleichwohl unbewohnbar. Weshalb sich die Menschen auf den Planeten Titan gerettet haben. Ein Menschenpaar aber ist im Jahre 2077 noch auf Erden, nicht Adam und Eva, sondern Jack (Tom Cruise) und Victoria (Andrea Riseborough). Um zu garantieren, dass vor der endgültigen Aufgabe des Planeten die notwendige Absaugung von Megatonnen Wasser aus dem Ozean auch reibungslos vonstatten geht. Einige Plünderer versuchen das zu verhindern, Menschen, die es nicht verdient haben, gerettet zu werden.

Ein Déjà-vu jagt das nächste

Das klingt alles schon recht kompliziert, ist aber nur die Vorgeschichte, die uns kurz am Anfang erzählt wird. Denn die eigentliche Geschichte ist eine andere: dass noch nicht alle Erinnerung perdu ist. Jack, der hier die letzten Verrichtungen überprüft und, wenn die Technik streikt, auch mal als Klempner fungiert, wird immer wieder von Träumen und Erinnerungsfetzen eingeholt, die er nach der verordneten „Gedächtnislöschung“ gar nicht mehr haben dürfte. Und da ist auch sein Hang zum Sammeln alter Dinge, die er in den Trümmern der Welt findet, uralte Schallplatten, verstaubte Bücher, Relikte einer verlorenen Zeit, die er an einem versteckten Ort, in einer quasi persönlichen Datschen-Oase hortet. Auch wenn die Partnerin an seiner Seite, die nicht nur tagsüber seine Einsätze vom heimischen Kontrolltisch aus überwacht, sondern ihm abends auch eine folgsame Ehefrau ist, das Spiel mit dem Verbotenen nicht gutheißen kann.

„Oblivion“: Solch einen Memo-Löschprozess hätten die Macher des Films wohl auch ganz gern, den man dem Zuschauer vielleicht wie eine klobige 3-D-Brille vor Betreten des Kinos verpassen könnte. Denn es ist schon ziemlich dreist, wie Joseph Kosinski in seinem zweiten Film nach „Tron: Legacy“ hier im Science-Fiction- und im Katastrophen-Filmkabinett zitiert und plündert, was nicht niet- und nagelfest ist. Ein wenig ist man anfangs geblendet von dem edlen Design, in dem das Musterpärchen in einer Art Elfenbeinturm hoch über den Wolken der waidwunden Welt residiert. Dass Tom Cruise 27 Jahre nach „Top Gun“ wieder in ein Cockpit steigt, wenngleich nicht von einer Mig, sondern einem Minihubschrauber, könnte noch als hübsches Selbstzitat durchgehen.

Aber wenn er damit durch die Ruinen von New York cruist, dann wird auch der Zuschauer von Erinnerungsfetzen geplagt, dann hören die Déjà-vu-Momente gar nicht mehr auf. Hier ragt noch die Fackel der Freiheitsstatue aus dem Sand, wie einst bei „Der Planet der Affen“. Da stapft ein letzter Überlebender durch die verödete Metropole wie einst Charlton Heston in „Der Omega Mann“ oder Will Smith in „I am Legend“. Verbotene Bücher kennen wir natürlich aus „Fahrenheit 451“, und die Stimme, die Jack und Victoria vom Computer aus instruiert, aus Kubricks Meilenstein „2001-Odyssee im Weltraum“. Deshalb ahnt man auch recht früh, dass man dem Computer, den Anweisungen aus dem Orbit nicht trauen darf. Der Showdown erinnert dann nicht von ungefähr an „Independence Day“.

Und das sind nur die offensichtlichsten Raubzüge. Immerhin, das muss man Klosinski zugute halten, steht er zu seiner infamen Genre-Piraterie. Er verschleiert sie nicht, er stellt sie aus: Die Datsche mit den Reliquien ist ein klares Sinnbild für seine eigene Second-Hand-Verwertung. Und wenn der verblüffte Tom Cruise plötzlich sich selbst gegenüber steht und gegen sein Alter Ego kämpfen muss, wird ebenfalls klar: Nichts ist einmalig. Alles schon mal da gewesen. Selten gab es ein derart krasses Missverhältnis zwischen inszenatorischem Aufwand und inhaltlicher Leere wie in „Oblivion“. Und man muss da gar kein globales Vergessen über die Menschheit verordnen, man kann schon jetzt prophezeien, dass dieser Film ziemlich schnell in Vergessenheit geraten wird.

Wäre da nicht ein interessanter Subtext, von dem man nicht weiß, ob er den Filmemachern nur unterlaufen ist oder ob da ein Jungregisseur mitten in einem Blockbuster bewusst subversive Elemente verstreut hat. Jeden Morgen nämlich fragt die Dame aus dem Computer Victoria, ob sie und Jack noch ein effektives Team seien, und jeden Morgen antwortet Victoria, ja, sie seien ein sehr effektives Team.

Analogien zu Scientology

Das lässt noch ganz andere Analogien zu, die nämlich zu den Auditings bei Scientology, deren prominentester Vertreter hier auch noch die Hauptrolle spielt. Auch L. Ron Hubbard, der Scientology-Gründer, hat einst Science Fiction geschrieben; ein anderes prominentes Sektenmitglied, John Travolta, wollte vor gar nicht langer Zeit dessen „Battlefield Earth“ verfilmen.

Ist die Gehirnwäsche, der sich die Menschheit in „Oblivion“ unterziehen muss, ist die Fremdsteuerung und Manipulation von oben also im Grunde eine Parodie auf, eine Kritik an Scientology? Am Ende jedenfalls gehen Tom Cruise die Augen auf und sein bisheriges Weltbild entpuppt sich als einzige Lüge. Als Allegorie auf Scientology könnte diesem Film vielleicht doch eine gewisse Zukunft beschieden sein.