Fernsehen

Hitlers Tagebücher, neu gelesen

Mit einer Fernsehdokumentation erinnert das ZDF heute an den größten Medienskandal im Nachkriegsdeutschland

Normalerweise lassen sich Wirklichkeit und Satire eindeutig unterscheiden. Wenn dieses Prinzip nicht mehr gilt, ist das bitter – für die Wirklichkeit. An die Geschichte von Adolf Hitlers angeblichen „Tagebüchern“ erinnert man sich heute, drei Jahrzehnte nach der Aufdeckung der Fälschung, vor allem durch die Szenen in Helmut Dietls brillanter Kinokomödie „Schtonk“. Unvergessen Harald Juhnke als schmieriger Ressortleiter, Ulrich Mühe als Verlagsmanager im Dollar-Rausch – und natürlich unverbesserlich: Götz George als Skandalreporter Hermann Willié.

Doch was völlig überdreht schien, lag offenkundig gar nicht so weit von der Realität entfernt. Das zeigte vergangene Woche schon die Veröffentlichung der Notizen des damaligen Co-Chefredakteurs Felix Schmidt in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nun legt das ZDF nach – mit einer zugleich realitätsnahen wie witzigen Dokumentation über die „Jahrhundertfälschung“.

Neigung zum tiefbraunen Sumpf

Als Leitmotiv hat Filmemacher Jörg Müllner passenderweise ein Kasperletheater gewählt. Auf dessen „Bühne“ machen sich die Akteure der Farce glänzend. Als da wären: Gerd Heidemann, der Starreporter mit der Neigung zum tiefbraunen Sumpf; Konrad Kujau, der Fälscher, der sich mit seinem ersten „Hitler-Tagebuch“ an einem Hitleriana-Sammler aus dem Schwäbischen rächen wollte; die Leitung des „Stern“-Verlages Gruner & Jahr; schließlich die Chefredaktion des Magazins. Die Spielszenen, die Müllner nachgestellt hat, wirken wie entlehnt aus „Schtonk“. Jedoch entsprechen sie der Wirklichkeit, wie sie das Gericht aufgrund von Zeugenaussagen festgestellt hat. So hat Gerd Heidemann tatsächlich beim ersten Treffen mit Konrad Kujau eine Originaluniform von Hermann Göring mitgebracht.

Um den Wahnsinn des Gesamtprojektes zu verdeutlichen, hat das ZDF Christoph Maria Herbst engagiert, bekannt als „Stromberg“. Die Gastrolle in Müllners Film aber verdankt er seinen urkomischen Auftritte als Butler und Nervenarzt „Alfons Hatler“ in den beiden Komödien „Der Wixxer“ und „Neues vom Wixxer“. Für „Die Jahrhundertfälschung“ liest Herbst einige der absurdesten bekannten Passagen aus Kujaus „Tagebüchern“, in unverwechselbarem Hitler-Tonfall a la Herbst.

Weil die 62 Kladden bis heute streng verschlossen in einem „Stern“-Safe liegen, ist nur ein Bruchteil der erfundenen „Führer“-Aufzeichnungen überhaupt bekannt. Doch schon die seinerzeit veröffentlichten und nachträglich bekannt gewordenen Passagen sind komplett irrsinnig. So irre, dass man sich über den Grad der Verblendung nur wundern kann, der die renommierten Journalisten und erfahrenen Verlagsmanager in Hamburg erfasst haben muss. Die guten Gestaltungsideen allein wären jedoch etwas wenig gewesen, um eine Dreiviertelstunde Dokumentation zu füllen. Und tatsächlich hat Müllner mehr zu bieten – vor allem Gerd Heidemanns Mitschnitte von Telefonaten, die seinerzeit im Prozess gegen den Reporter und den Fälscher als Beweismittel nicht zugelassen worden waren.

Die in der Dokumentation zu hörenden Ausschnitte des letzten Gesprächs vom 9. Mai 1983 vermitteln zum Beispiel den Eindruck, dass Heidemann bis zuletzt an die Echtheit der Kladden geglaubt habe. Und auch Kujau ist darauf zu hören, der immer noch beschwört, die Kladden seien „aus der DDR“. Ob dieses Gespräch wirklich so stattgefunden hat, oder ob es sich auch hier um eine spätere Manipulation handelt, muss aber offen bleiben. Zum Glück lässt die Dokumentation die Zuschauer mit dieser Frage nicht allein. Denn neben Heidemann und alten Aufnahmen des im Jahr 2000 einem Krebsleiden erlegenen Kujau gibt es weitere Interviewpartner. Wichtig ist vor allem der frühere „Stern“-Chefermittler Michael Seufert, der frontal gegen den ehemaligen Kollegen und Starreporter argumentiert.

Wo ist das ganze Geld geblieben?

Wer letztlich wen betrogen hat, kann zwar auch Jörg Müllner nicht aufklären. Hat Heidemann tatsächlich bis zum Beweis des Gegenteils an die Wahrheit des Unsinns geglaubt, der in den Kladden stand? Wo sind die fast 4,4 Millionen Mark geblieben, die Kujau angeblich oder tatsächlich nie bekommen hat? Kann es wirklich sein, dass Heidemann pro geliefertem „Tagebuch“-Band mindestens 25.000 Mark, oft aber auch mehr „abgezweigt“ hat? Das Hamburger Landgericht hat es so gesehen, der ehemalige „Stern“-Reporter hat es stets bestritten. Wahrheit und Lüge, Größenwahn und Gier sind in diesem Fall so untrennbar ineinander verstrickt, dass man die ganze Geschichte wohl nie mehr erfahren wird.

Angesichts dessen ist „Die Jahrhundertfälschung“ wunderbar: eine unterhaltsame, zugleich aber seriöse Dreiviertelstunde Information über einen Skandal. Mehr davon stünde dem Gebührenfernsehen in Deutschland gut zu Gesicht.

ZDF, Dienstag, 20.15 Uhr „Die Jahrhundertfälschung: Hitlers Tagebücher“ u.a. mit Ex-“Stern“-Reporter Gerd Heidemann und Schauspieler Christoph Maria Herbst