Medien

Eine schrecklich nette Familie

Fallende Auflage, Streit in der Führung: Wird Jakob Augstein neuer Chefredakteur des „Spiegel“?

Um zu verstehen, dass es zum geplanten Wechsel an der Spitze der Chefredaktion des „Spiegel“ wohl keine Alternative gibt, genügt ein Blick auf zwei Ereignisse der letzten sieben Tage. Vergangene Woche sickerten erste Verkaufszahlen der „Spiegel“-Ausgabe vom 25. März mit dem Titel „Das ewige Trauma – Der Krieg und die Deutschen“ durch. Im Einzelverkauf sollen von ihr deutlich weniger als 200.000 Exemplare abgesetzt worden sein. Obwohl die Remission noch nicht abgeschlossen ist, erzählt man sich in Verlagskreisen, in den letzten Jahrzehnten habe sich keine „Spiegel“-Ausgabe schlechter am Kiosk verkauft.

Der Scoop der vergangenen Woche, die Enttarnung der geheimen Geschäfte der Steueroasen anhand einer Datei, die Datensätze von 130.000 Personen enthält, ging am „Spiegel“ vorbei. In Deutschland berichteten exklusiv der NDR und die „Süddeutsche Zeitung (SZ)“ darüber. Das ist insofern überraschend, da „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo und der Investigativ-Chef der „SZ“ Hans Leyendecker die einzigen deutschen Mitglieder des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) sind. Das ist die Organisation, der die Datei zugespielt wurde. Entweder unterschätzte Mascolo die Brisanz des Datensatzes oder aber das ICIJ sah in dem Magazin nicht das richtige Medium für die Enthüllung. Schwer zu sagen, welche Variante peinlicher für Mascolo und den „Spiegel“ ist.

Auch bei Spiegel Online läuft es unrund. Mascolos Amtskollege Mathias Müller von Blumencron sperrt sich gegen eine Bezahlstrategie. Die Verzahnung von Print und Online kommt wegen des Streits der Chefredakteure nicht voran. Nicht wenige beim „Spiegel“ wünschen sich einen Chefredakteur, der sich mit der digitalen Materie auskennt. Hier fällt als erstes der Name von dpa-Chef Wolfgang Büchner, der acht Jahre bei Spiegel Online wirkte, davon ein Jahr als Chefredakteur. Auch Wolfgang Krach, Stellvertreter des Chefredakteurs der „SZ“, können sich viele im Verlagshaus auf der Ericusspitze als neuen „Spiegel“-Chef vorstellen. Er verfügt zwar über keine nennenswerte Online-Erfahrung, war aber vor seinem Wechsel nach München Anfang 2003 beim „Spiegel“ Ressortleiter Deutschland.

Bleibt noch ein Kandidat, der als Geheimfavorit gehandelt wird: Jakob Augstein, Stiefsohn von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein und Verleger der Wochenzeitung „Der Freitag“. Dem 45-Jährigen, der die Erben seines Vaters in der Gesellschafterversammlung vertritt, werden Ambitionen auf den Posten nachgesagt. In Teilen der Mitarbeiter KG kann man ihn sich sehr gut als neuen „Spiegel“-Chef vorstellen. Dass Augstein polarisiert – etwa mit seiner scharfen Israel-Kritik – gilt dort ebenso wenig als Problem wie der Umstand, dass der „Freitag“ im Vergleich zum „Spiegel“ eine überschaubare Veranstaltung ist.

Auch Augstein-Kritiker räumen ein, dass er den „Spiegel“ hervorragend nach außen hin repräsentieren könnte. Zusammen mit dem stellvertretenden „Bild“-Chef Nikolaus Blome ist er wöchentlich auf Phoenix in der Talkshow „Augstein und Blome“ zu sehen. Auf Spiegel Online ist er mit der Kolumne „Im Zweifel links“ präsent. Augstein ist längst seine eigene Medienmarke.