Literatur

Auffallen unerwünscht

Alina Bronsky kann auch spannend schreiben, wie ihr Fantasy-Roman zeigt

Juli ist auf der Flucht. Während sie im ersten Teil von Alina Bronskys „Spiegel-Trilogie“ hauptsächlich mit der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter beschäftigt war, ist sie nun im zweiten Buch, „Spiegelriss“, selbst die Gesuchte. Mithilfe ihrer Freunde ist Juli hinter die Geheimnisse ihrer Familie gekommen. Jetzt hat sie selbst ein Geheimnis, das niemand erfahren darf. Ihre Mutter war eine „Phee“. Und sie selbst ist auch eine. Sie ist eines dieser exzentrischen Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die vom Staat gefürchtet und verfolgt werden. Denn in der Gesellschaft in der Juli lebt ist Auffallen in jedem Falle unerwünscht und sogar verboten. Das System nennt sich „Normalität“. Alle sehen gleich aus, alle verhalten sich gleich und alle sollen das Gleiche denken. Früher gehörte Juli auch zu diesem Teil der Gesellschaft. Aber die Umstände haben sich geändert für Juli, für Julis Freunde und für ihre Familie.

Mit „Spiegelkind“ begann Bronsky vor einem Jahr ihre Trilogie mit einem furiosen Auftakt. Sie schuf eine Dystopie in der ihre Heldin mühsam versucht herauszufinden, wer oder besser gesagt „was“ sie ist. Ein Kind, das erwachsen wird, sich von familiären Banden beginnt zu lösen und sich ihren eigenen Platz in der Gesellschaft sucht, die sozial auseinanderdriftet. Vieles über sich selbst und ihre Familie hat Juli auch im zweiten Band noch nicht herausgefunden. Doch was sie weiß ist, dass sie eine der letzten „Pheen“ ist, die in ihrer Welt noch existieren, dass ihre Mutter tot ist, dass alle Welt sie für ihre Mörderin hält und, dass sie dafür gejagt wird.

Und so setzt Bronsky die Geschichte genauso radikal fort, wie sie sie begonnen hatte. Denn nun muss sich Juli verstecken und sucht Zuflucht bei einer Bande „Freaks“, einer ebenfalls ausgestoßenen Randgruppe. Sie verbergen sich tagsüber in dunklen Schächten und suchen nachts nach Nahrung. „Das Rudel“ nennen sie sich und Kojote heißt Julis neuer Freund, der als Einziger von ihrem Geheimnis weiß und sich bereit erklärt ihr zu helfen. Ihr Plan abzutauchen scheint zu funktionieren, bis sie verraten wird und sich plötzlich in den Fängen des Staates wiederfindet.

Beeindruckend ist Bronskys Erzählweise, mit der die Autorin durchs Chaos führt. Lediglich aus der Perspektive der Protagonistin beschreibt sie, was passiert. Der Leser stellt Vermutungen an, um sie kurz darauf wieder zu verwerfen. Bronsky lässt jeglichen Fantasy-Firlefanz links liegen. Klischeefrei ist dieser Jugendroman im Vergleich zu den Büchern, mit denen er sich die Regale in den Buchhandlungen teilt, obwohl auch in „Spiegelriss“ das gängige Motiv der Metamorphose vom Mensch zum Tier zu finden ist und sich die Protagonisten oft in Nahtod zuständen befinden, die ebenfalls an andere Fantasy Vorgänger erinnern. Doch Bronskys Erzählung ist auf ihre radikale Art und Weise anders und neu. Die „Spiegel-Trilogie“ vereint Dystopie, Thriller, Fantasy und Familiendrama. Vor ein paar Jahren legte Bronsky mit „Scherbenpark“ einen grandiosen Erstling zum Mitleiden hin (der Nachfolgeroman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ war zu bemüht in dem Versuch das Chaos einer russischen Familie nachzuzeichnen), nun zeigt sie, dass sie auch spannend schreiben kann.

Alina Bronsky: Spiegelriss. Arena, 14,99 Euro.