Gedenken

Die Göre von Paris

Zu ihrem 50. Todestag beschreibt eine neue Biographie das dramatische Leben der Edith Piaf

War Édith Piaf, wie es die Legende will, die bedeutendste Chansonsängerin Frankreichs? Das ist keineswegs ausgemacht: Mistinguett, Damia, Fréhel, von der unvergleichlichen Yvette Guilbert ganz zu schweigen – an Konkurrenz fehlt es nicht. Was „La Môme“, die Göre von Paris, den übrigen Damen voraus hatte, war das Drama ihres Lebens. Der Aufstieg aus der Gosse mit Zwischenstationen im Zirkus und im Bordell zu den nobelsten Adressen des Schaugewerbes, zum Olympia und zur Carnegie Hall – kein Wunder, dass der Film die steile Karriere unwiderstehlich fand. Auch der Kontrast zwischen Zwergwuchs und atemberaubendem Männerverschleiß, das Wechselbad von Zusammenbrüchen, Operationen, Entziehungskuren und Triumphen auf der Bühne war für die Leinwand wie geschaffen.

Aus Anlass ihres 50. Todestages legt der Propyläen Verlag eine Biografie vor – „die erste große deutschsprachige“, wie der Waschzettel verkündet. Der Verfasser, Jens Rosteck, bringt die besten Voraussetzungen mit: Er ist Musikwissenschaftler, lebt in Paris und hat schon Bücher über Bob Dylan, Lotte Lenya und Kurt Weill geschrieben. Sein Problem ist, wie er freimütig bekennt, die verworrene Quellenlage. Mythos und Wahrheit auseinanderzuhalten, ist nicht einfach, zumal die Piaf selbst zur Mythenbildung fleißig beitrug. Die 50 französischen Biografien, die das Literaturverzeichnis aufführt, stützen sich zum guten Teil auf Reportagen und Interviews der Regenbogenpresse.

Eine Kindheit im Bordell

Das Buch setzt ein 1935 mit der Entdeckung der knapp 20-jährigen Straßensängerin durch den Nachtklubbetreiber Louis Leplée. Er verpasst der stimmkräftigen Liliputanerin den Künstlernamen Piaf, „Spatz“ im Pariser Argot, und lässt sie in seinem Kabarett auftreten. Zum ersten Mal steht das Kind aus dem Volke vor einem mondänen Publikum – und siehe da, ihre Songs von der sonnenabgewandten Seite des Lebens schlagen ein. Es dauert nur wenige Wochen, bis sich der Rundfunk meldet, erste Schallplatten folgen.

Von hier springt der Autor zurück zu den Anfängen der Edith Giovanna Gassion – so ihr richtiger Name. Die ersten Jahre sind in besonders dichte Nebelschwaden gehüllt. Wenn wir der Fama glauben wollen, so wurde sie auf der Straße geboren. Rosteck verweist kühl auf ein Klinikprotokoll, dem zufolge das Kind am 19. Dezember 1915 ganz bürgerlich im Pariser Hôpital Tenon zur Welt kam. Bürgerlich waren die Eltern indes nicht. Der Vater ist Akrobat, die Mutter, eine italienische Straßensängerin, lässt das Kind verlottern und kehrt der Familie drei Jahre später ganz den Rücken. Die kleine Edith wird bei der Mutter des Vaters untergebracht, die in einer Kleinstadt dem Freudenhaus vorsteht. Hier blüht sie auf und lässt sich von den Loretten verhätscheln.

Mit sieben zieht Edith mit ihrem Vater von Rummelplatz zu Rummelplatz. Wie ihre Mutter wird sie Straßensängerin. Ihr Lebensmittelpunkt verschiebt sich zur Place Pigalle, Nabel des Pariser Nachtlebens. Als alleinstehende Frau kann man sich hier nicht behaupten. Ein Zuhälter namens Albert, im Milieu Ali Baba genannt, nimmt sie unter seine Fittiche und ist sogar einverstanden, dass sie nicht in der Horizontalen anschafft, sondern mit ihrer Stimme. Die Trennung von ihm ist indes dramatisch: „Schieß doch, wenn du ein Mann bist!“, will sie ihm zugerufen haben. Ein Kumpan fiel ihm in letzter Minute in den Arm und lenkte die Kugel ab.

Diese Wildwest-Szene mag erfunden sein, der gewaltsame Tod ihres Entdeckers Leplée war es nicht. Ob ihn Strichjungen oder Einbrecher erschossen, wurde nie geklärt. Auch Edith geriet in Verdacht: Sie verbrachte 48 Stunden in Untersuchungshaft. Als sie wieder herauskam, war ihr Ruf ramponiert, und es brauchte einige Zeit, um den Karriereknick zu überwinden. Dies verdankte sie dem Texter Raymond Asso, wegen seiner prominenten Nase „Cyrano“ genannt, dem ersten in einer langen Reihe von Männern, denen sie künstlerisch wie außerkünstlerisch eng verbunden war.

Die deutsche Besatzung änderte am Pariser Nachtleben wenig. Wer nicht Jude war, machte weiter wie vorher und ließ sich von Deutschen im Saal nicht stören. Auch Edith tritt weiter auf und fährt sogar zweimal nach Deutschland, um vor französischen Kriegsgefangenen zu singen. Obwohl Rosteck ihr die Behauptung, sie habe auf ihren Deutschland-Tourneen Gefangenen zur Flucht verholfen, nur halb abnimmt, urteilt er über ihr Verhalten in den Besatzungsjahren mit österlicher Milde. Tatsächlich wurde sie – anders als Arletty, Sacha Guitry und viele andere Stars – nach dem Krieg zwar verhört, aber nicht weiter belästigt. 1945 ist Edith Piaf 30. Ihre Liaisons mit Sängern und Textdichtern setzen sich fort, doch von jetzt an ist sie nicht mehr das Mündel, sondern der Vormund. Das erste singende Talent, dessen sie sich annimmt, ist Yves Montand. Wie eine strenge Lehrerin krempelt sie sein Repertoire um. Der Erfolg lässt nicht auf sich warten: Schon bald empfindet sie ihn als Konkurrenten und gibt ihm den Laufpass. So stellt er es jedenfalls dar: „Mit einer Härte, wie nur sie sie kannte.“

Drogenräusche, Entziehungskuren

Ihr Männerkonsum beschränkte sich nicht auf Kollegen. Eine Zeit lang favorisierte sie Radsportler. Ihre große Liebe, behauptete sie, sei der Boxer Marcel Cerdan gewesen. Leute, die sie gut kannten, bezweifeln dies und schreiben den Mythos dem Umstand zu, dass Cerdan mit dem Flugzeug abstürzte. Nach Cerdans Tod betäubte sie ihren Schmerz mit Morphium. Zwei Jahre späte hatte sie zwei Autounfälle. Im Krankenhaus verlangte sie nach Morphium, auf das sie schließlich nicht mehr verzichten konnte. Während sie mit ihrem ersten Ehemann, dem Sänger Jacques Pills, eheliches Glück vortäuschte, spielten sich hinter den Kulissen andere Szenen ab: Drogenrausch, Alkoholexzesse, Wutanfälle, Halluzinationen, Entziehungskuren. Ein Magengeschwür, weitere Autounfälle und Operationen folgten. 1958 wog sie nur noch 36 Kilo.

Es kam vor, dass sie auf die Bühne torkelte. Gelegentlich mussten Vorstellungen abgebrochen werden. Natürlich ließ sich ihr prekärer Zustand auf die Dauer nicht verheimlichen. Aber sie verstand es, aus ihrer Schwäche Kapital zu schlagen. Ihre Konzerte verwandelten sich in kultische Wiederauferstehungsfeste. Wenn sie ihrer Gemeinde dann noch versicherte „Non, je ne regrette rien“, dann raste der Saal. 1962, ein Jahr vor ihrem Tod, heiratete sie zum zweiten Mal. Théo Sarapo war 20 Jahre jünger und Friseur. Sie glaubte an sein Gesangstalent und trat mit ihm auf, soweit es ihre Kräfte noch erlaubten. Dass er sich eigentlich mehr für Männer interessierte, machte ihr nichts mehr aus.

Jens Rosteck breitet das Auf und Ab dieses hochdramatischen Lebens liebevoll vor uns aus. Ob es nicht auch hundert Seiten weniger getan hätten, darüber kann man streiten, ebenso darüber, ob Edith Piaf wirklich „die bedeutendste Vokalistin ihrer Zeit“ war. Dass Rosteck gelegentlich in den schwärmerischen Ton der rosaroten Quellen verfällt, die er ausgewertet hat, war vielleicht nicht zu vermeiden. Dass er aus einer dieser Quellen auch die Behauptung übernimmt, „La Môme“ habe Sokrates gelesen, geht allerdings zu weit: Sokrates hat keine Zeile hinterlassen.

Jens Rosteck: Edith Piaf. Hymne an das Leben. Propyläen, 463 Seiten, 23 Euro