Sachbuch

Im Stau der Gefühle: Egon Bahr erinnert sich an Willy Brandt

Von Bismarck stammt das Wort, es gebe Falten in seiner Seele, in die er niemanden blicken lasse. Auf Egon Bahr trifft ähnliches zu. Sicher, jeder hat das Recht, den eigenen Seelenraum zu verrammeln. Doch bei einer Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die sich dazu berufen fühlt, von einem „Freund“ zu berichten, der auch noch Bundeskanzler war und die Geschicke des Landes entscheidend prägte, der sollte sich einen Ruck geben und mehr preisgeben, als es Egon Bahr in seinem neuen Buch „‚Das musst du erzählen‘. Erinnerungen an Willy Brandt“ getan hat. Zumal in Bahrs schon 1996 veröffentlichten Autobiografie „Zu meiner Zeit“ bereits das meiste von dem bereits steht, was Bahr nun nachschiebt. Ehrlicher wäre es gewesen, wenn der Verlag Bahrs Titel leicht verändert hätte: „Das musst du erzählen. Immer und immer wieder!“

Freilich sollte die Klage den Leser nicht davon abhalten, sich Bahrs Buch zu Gemüte zu führen. Wer seine Memoiren nicht kennt, wird interessante Einzelheiten aus der deutschen Politik zwischen 1961 und 1992, Brandts Todesjahr, erfahren. Darüber hinaus kann Bahr schreiben. Sein Buch liest sich schnell und flüssig, ist mit amüsant und scharfsichtig. Nur: Brandt als Mensch steckt im Nebel. Bis heute ist Bahr selig, dass Brandt ihn auf dem Totenbett als Freund bezeichnete, doch wie die Freundschaft aussah, das verschweigt er, der ihn so gut kannte wie kaum ein zweiter. War es eine Vater-Sohn-Beziehung oder ein von Verehrung geprägtes Arbeitsverhältnis? Wie erklärt sich Bahr Brandts depressive Abstürze, die man im Umfeld des Kanzlers als „Erkältung“ zu verhüllen suchte. Und was machte seine Ausstrahlung aus? Fragen über Fragen, die Bahr sonderbar verklemmt umgeht.

Egon Bahr: „Das musst du erzählen“. Erinnerungen an Willy Brandt. Propyläen, Berlin. 237 Seiten, 19,99 Euro