Jugendbuch

Die Crux mit den Eltern, denn ewig währt ihre Pubertät

Hätten sie keine Eltern, man müsste sich um diese Kinder nicht sorgen, so organisiert, diszipliniert und reflektiert sind sie. Könnte es sein, dass Kinder umso erwachsener sind, je kindischer sich ihre Eltern aufführen? Cornelius zum Beispiel, Christine Nöstlingers elfjähriger Erzähler, knipst den „blödsinnigen Horror-Schinken über Riesenspinnen“ nach einer halben Stunde aus. Er sieht selber zu, dass er nicht zu viel Trash abkriegt, genügend Schlaf bekommt und gute Noten. Auch im Beziehungschaos seiner Erzeuger hat er sich bequem eingerichtet: Weil seine Mutter nach der Scheidung zur Jetset-Karriere angesetzt hat, hat Cornelius die Trennungsvereinbarung kurzerhand außer Kraft gesetzt und ist, statt zwischen zwei Kinderzimmern zu pendeln, ganzwöchig zum Vater gezogen: Der hat ein Erbe und eine Putzfrau.

Aber es geht hier nicht um Geld. Die Anna Lachs zum Beispiel, ein deutlich weniger wohlhabendes Scheidungskind, ist auch ein Klarkommer – dass sie in Cornelius‘ Wiener Klasse das Problemkind gibt, ist nämlich bloß Taktik. Anna will nach Salzburg zurück, wo sie bloß hat wegziehen müssen, weil ihre Mutter den Vater von Cornelius heiraten will – eine Konstellation, die sich zu Zeiten des seligen Erich Kästner in ein zwischenmenschliches Happy-End verwandelt hätte. Christine Nöstlinger aber hat es seit eh und je mit der „wahren Wirklichkeit“ gehalten – und die ist eine veränderliche Größe. Auf den ewigen Kinderwunsch, alles möge bleiben, wie es ist, bleibt zwar Verlass, auf die Erwachsenen aber ist keiner mehr. Nöstlinger beschreibt sie als ewige Pubertisten und weichgespülte Egoisten, ohne Arg und bösen Willen, aber stets auf der Jagd nach der nächsten Gefühlswallung.

Christine Nöstlinger: Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte. Oetinger, 176 Seiten, 12,95 Euro