Interview

„Nicht immer nach Amerika schielen“

Erfolgsproduzent Oliver Berben über seine neue TV-Serie „Verbrechen“ und die Möglichkeiten des deutschen Fernsehens

Vor kurzem erst hat Oliver Berben mit dem TV-Dreiteiler „Das Adlon“ Triumphe gefeiert. Nun macht er schon wieder von sich reden: Fürs ZDF hat er Ferdinand von Schirachs „Verbrechen“ adaptiert. Als aufwendige Serie in revolutionärem Format. Die ersten beiden Folgen sind am Sonntag ab 22 Uhr zu sehen – ein Sendetermin, der dort noch nie für deutsche Produktionen offen stand. Peter Zander hat mit dem Produzenten gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Berben, hat man eigentlich als Produzent oft mit Anwälten zu tun?

Oliver Berben:

Natürlich, beim Stofferwerb, bei Senderverträgen. Man hat ständig mit Anwälten zu tun. Aber wir haben den Luxus, dass wir eine Rechtsabteilung haben, auf die ich alles abwälzen kann. Ich sage oft im Scherz, wer in der Film- und Fernsehbranche arbeitet, bekommt automatisch das Einmaleins für Laien im Rechtswesen beigebracht. Von Ferdinand von Schirach habe ich noch gelernt, dass man bei Anwälten unterscheiden muss. Es gibt die, die in der Wirtschaft arbeiten. Und dann gibt es die Strafverteidiger, die sich selbst als ganz eigene Spezies sehen.

Wann war Ihnen klar, dass Sie von Schirachs „Verbrechen“ verfilmen müssen?

Noch bevor das Buch erschienen ist. Der Verlag hat mir Druckfahnen zukommen lassen. Ich wollte nur mal im Flugzeug blättern. Aber schon bei der ersten Geschichte war ich sofort gefesselt. Bei der zweiten wusste ich, dass ich das verfilmen will. Und dass ich es als Serie machen will.

Dass der Verlag daran Interesse hatte, ist verständlich. Wie war das mit Herrn von Schirach? Fand der das auch gut oder mussten Sie erst Überzeugungsarbeit leisten?

Herr von Schirach hat sich relativ früh Gedanken darüber gemacht, sein Buch filmisch umzusetzen. Aber er wusste nicht genau wie. Heute sagt er, er sei heilfroh, dass ich es gemacht habe. Bei ihm wäre wahrscheinlich ein einzelner Schwarzweißfilm daraus geworden. (lacht)

Es gibt Autoren, die können loslassen, und es gibt solche, die wollen in alles involviert sein. Zu welcher Sorte gehört von Schirach?

Er wollte keinerlei Einfluss auf die Drehbücher haben. Das ist generell auch nicht üblich. Er äußerte nur den Wunsch, ihm die Filme zu zeigen, wenn sie fertig sind. Er hat gewusst und respektiert, dass es etwas anderes bedeutet, sich mit einem Stoff filmisch auseinanderzusetzen.

Sollten Sie je einen Strafverteidiger brauchen…

… dann rufe ich ihn an.

Das Verbrechen gehört ja als feste Größe zum Fernsehprogramm. Ist die Serie nun eine Novität, das ganz anders anzugehen?

An erster Stelle ist das Buch eine ganz neue Art, mit dem Thema umzugehen. Es geht eben nicht um Whodunits, bei denen man nicht weiß, wer der Täter ist. Es sind eigentlich Psychogramme, die einen Einblick in die Abgründe einer dunklen Seele und damit in die Gesellschaft gewähren. Die Spannung wird nicht durch die Handlung geweckt, sondern aus einer Neugierde, Menschen zu beobachten, wie sie in ein Verbrechen geraten und was dieses mit ihnen anstellt.

Gleichwohl besticht die Serie vor allem durch Stil und Ästhetik, in denen sich auch die einzelnen Folgen unterscheiden. Das dürfen Sie sich schon selbst zugute halten.

Wir haben versucht, den Geist der Vorlage, der einzelnen Geschichten zu bewahren. Es sind nicht nur unterschiedliche Fälle, sie haben auch ganz eigene Tonalitäten. Das Prägnanteste ist die Sprache, diese wollten wir auch visuell übersetzen. So kamen etwa die Icons zustande, einzelne Requisiten, die aus dem Bild herausgelöst werden. Dann haben wir uns über die Ebenen Täter unterhalten. Es gibt die, wenn der Täter das Verbrechen begeht, und dann die reflektierende, wenn er beginnt darüber nachzudenken. Diese verschiedenen Gefühlszustände wollten wir deshalb mit unterschiedlichen Kamerasystemen drehen. Wir haben dann einen sogenannten Mood Trailer erarbeitet, um eine Temperatur, ein Gefühl zu bekommen, wie man es bebildert. Dies versuchte man dann in einem weiteren Schritt in die Drehbücher zu integrieren. Am Ende bedeutete das eine ziemlich lange Entwicklungszeit und eine Nachbearbeitung.

Ist das jetzt eine kleine Revolution des deutschen Fernsehens?

Ach, das weiß ich nicht. Das sollen die Zuschauer entscheiden. Es geht nicht um Revolution. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur immer nach Amerika schielen, wenn wir nach neuen Formaten suchen, sondern versuchen, mehr eigene Geschichten zu erzählen. Weniger kopieren, mehr selbst entwickeln. Nennen wir es eine Stärkung des Selbstbewusstseins.

Das scheint sich bewährt zu haben: Sie landen damit just auf einem Sendeplatz, der bislang ausschließlich ausländischen Formaten vorbehalten war.

Ehrlich: Dafür habe ich lange gekämpft. Die beiden ZDF-Redakteure und ich, wir haben jeden vollgequatscht, bis es keiner mehr hören konnte.

Das heißt, Sie mussten schon Überzeugungsarbeit leisten.

Ja, da musste erst einmal Eis aufgebrochen werden. Aber am Ende waren alle überzeugt, dass es der richtige Platz für das Programm ist. Vielleicht hilft’s ja, dass ab jetzt mehr deutsche Produktionen auf diesem Sendeplatz laufen.

Wenn die Serie erfolgreich laufen sollte, wird dann eine zweite Staffel geplant?

Wir sind bereits an der Entwicklung von „Schuld“, von Schirachs zweitem Buch. Es ist noch nicht unterschrieben, aber ich glaube stark daran.

Sie werden als Erfolgsproduzent gefeiert. Gab es je eine Produktion, mit der Sie sich richtig verhoben haben?

Das gibt es immer wieder, klar. Es gibt allerdings verschiedene Formen des Scheiterns. Es gibt Filme, die keiner anschaut. Und dann gibt es Filme, die sind einfach nicht gut geworden. Das ist natürlich noch härter. Schlimm genug, wenn keiner guckt, was du gemacht hast, aber wenn du einen tollen Stoff hast und dieser misslingt dir, dann fällt das hart auf dich zurück. Aber so etwas erlebt man ständig. Beide Formen. Das gehört – leider – mit zum Geschäft. Das macht es aber auch spannend...