Klassik-Kritik

Maria Agresta rettet Barenboims Requiem-Konzert

Sopranistin Anja Harteros fiel wegen Krankheit aus

Kein anderer ist wohl vergleichbar missgünstig (und dummdreist) über Verdis Requiem, geschrieben zum Gedenken an den jüngst verstorbenen Dichter Alessandro Manzoni, hergefallen als ausgerechnet Hans von Bülow. Zu seinen Gunsten spricht einzig, dass er sich Jahre später für diesen unverantwortlichen Ausfall bei Verdi entschuldigt hat.

Natürlich gingen die Meinungen über Verdis neuestes Werk weit auseinander. George Bernard Shaw, damals noch als Musikkritiker tätig, stufte hellsichtig das Requiem als Verdis größte Oper ein, und tatsächlich lässt es ja auch keine Gelegenheit aus, höchst eindrucksvoll hochdramatisch hervorzuwüten. Cosima Wagner schlug dagegen vor, es sei zweifellos das Beste, über das Werk gar nicht erst zu reden. Das hielt Brahms wiederum für ganz falsch. Er ging Bülow direkt an die Gurgel. Bülow habe sich mit seiner Verurteilung des Requiems „unsterblich blamiert“; ein Stück wie dieses „könne nur ein Genie“ schreiben.

Hört man Verdis Requiem heute, wie bei den Festtagen der Staatsoper in der Philharmonie unter Barenboims geradezu majestätischer Leitung, aufgeführt von Orchester und Chor der Mailänder Scala, dann begegnet man einem Werk höchster Kunst, gemischt mit höchster Natürlichkeit. Gerade sie nimmt die Hörer von heute, täglich neu berieselt von an den Haaren herbeigezogener Experimentierlust, sofort gefangen und fesselt ihn geschlagene neunzig Minuten lang bis zum Schlusstakt.

Verdi war eben nicht einzig ein genialer Opernkomponist. Seine Genialität kannte keine Grenze. Er war und blieb Verdi mit jeder Note, die er schrieb, jede einzelne eingängig, geradheraus, angemessen und gleichzeitig zündend. Es wird kein Kunstfeuerwerk entfacht, sondern nichts anderes als zutiefst verinnerlicht mit nichts als Noten nach Wahrheit und Aufrichtigkeit der Trauer und Verehrung gebohrt.

Die Hauptleistung hat dabei, unterstützt von dem mit Stolz eingesetzten Orchester, der gigantische, über hundertköpfige Chor zu erbringen. Er singt das Requiem mit vorbildlicher Intensität und Tonschönheit, nachdem sich die Männer zu Beginn erst einmal aller anfänglichen Fahlheit enträuspert haben. Danach wird es immer großartiger bis zum Schluss.

So grandios sich auch das Solistenquartett einzufügen versteht, schließlich hat Verdi seinem Tenor, von Fabio Sartori anrührend gesungen, das „Ingemisco“ einkomponiert: „ Seufzend steh’ ich schuldbefangen“. Eine kleine Arie, wie für Hans von Bülow komponiert. René Pape singt wie immer mit höchster Genauigkeit und Dezenz das Bass-Solo, Daniela Barcellona singt einen eher bescheidenen Mezzosopran und Anja Harteros schweigt wieder, wie in letzter Zeit unglücklicherweise oft. Sie muss sich wegen Krankheit entschuldigen lassen. Aber glücklicherweise gibt es hinreichend gesunde Soprane, und eine besonders bezaubernde Kollegin, Maria Agresta, sprang mit ihrer frischen, feinfädigen, geradezu jenseitigen Stimme ein. Sie mischte dem Paradeorchester ein Leuchten ein, das immerfort die Höhepunkte der Komposition unvergesslich markierte. Man lernte: Barenboims intensive Arbeit in Mailand zahlt sich auch für Berlin glücklich aus.