Kunstssache

Spurensuche in Tel Aviv

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Die Galerie in Mitte vertritt sonst Kunststars wie Olafur Eliasson oder Ai Weiwei. Zumal Stoffarbeiten nun einmal nicht gerade zu den Lieblingen des umkämpften Kunstmarktes gehören. Kunsthandwerk, so sagen viele.

Das Verblüffende bei neugerriemschneider ist, dass die Stoffe – an den weißen Wänden drapiert – aussehen wie herrlich farbige Gemälde. Sie leuchten auf jeden Fall erstaunlich klar. Reste verschiedener Form und Größe sind mit groben Stichen aneinander genäht. Gepunktete, gestreifte, karrierte, getüpfelte Stückchen sind darunter, witzig, sogar ein pinkfarbener Regenschirmbezug und ein rot-weißes Palästinensertuch entdecken wir als Patchwork. „Malgrund“ sind dicke Millitärdecken, die als Unterlagen für die Collagen dienen. Kuriose Muster entstanden, abstrakt oder mal mehr, mal weniger figurativ. Sie erzählen Biblisches wie Alltägliches aus dem Heiligen Land, wie es einmal war: da sehen wir die Umrisse von „Rachels Grab“, dort könnten Zypressen zu entdecken sein, Vögel in der Wüste und ja, schlanke Figuren in Bewegung.

Das alles muss man nun erklären, denn es geht um mehr als diese Teppiche. Es geht um eine ungewöhnliche Geschichte, eine spannende Spurensuche in Israel sowie die Wiederentdeckung einer Künstlerin, die in Europa nur wenige kennen. Noa Eshkol (1924-2007), geboren in Tel Aviv, bekommt in Berlin damit ihre erste Einzelschau in Deutschland. In die Öffentlichkeit zurückgeholt allerdings hat sie die US-Künstlerin Sharon Lockart, Jahrgang 1964. Bei einem Forschungsstipendium in Israel begann diese mit ihrer Recherche zu Leben und Werk Eshkols. Mehrere Videoinstallationen entstanden, die bereits in Museen und anderen Ausstellungshäusern zu sehen waren. Lockart wird von neugerriemschneider vertreten, so fanden die Teppiche ihren Weg nach Berlin.

Doch wer eigentlich war Noa Eshkol? Die Tochter des dritten israelischen Premierministers Levi Eshkol, in einem Kibbuz geboren, bezeichnete sich selbst als Bewegungstheoretikerin. Nach einer Tanzausbildung in London zog sie nach Holon, einen Nachbarort Tel Avivs. Gemeinsam mit dem Architekten Avraham Wachman entwickelte sie das Zeichensystem „Movement Notation“, mit dem Choreografien geschrieben werden können wie Musik mit Noten oder Wörter mit dem Alphabet. Es ist eine abstrakte Bewegungsnotation auf einer dreidimensionalen geometrischen Grundlage.

Wenn sie sich nicht mit dem Tanz beschäftigte, nähte sie. Dieser Vorgang hatte für sie mit Strukturbildung und auch Bewegung zu tun. Die Stoffe schnitt Eshkol aber nicht etwa zu. Die Reste, die sie aus den Kibbuzim des Landes bekam, verarbeitete sie so, wie sie waren. Es war die Hochzeit der israelischen Kollektivsiedlungen, und ihr Haus so etwas wie ein künstlerischer Hort, Tänzer gingen ein und aus, der Gemeinschaftsgedanke stand an erster Stelle.

Merkwürdig, sagt Emma, sie muss an die Tanzikone Pina Bausch denken, auch sie führte eine Art Regime im Auftrag des Tanzes, sie war der strenge Mittelpunkt, um den sich alles drehte. Bei ihr war wie bei Noa Eshkol vieles Ritual. Irgendwie verstand die Israelin sich wohl auch als Meisterin, sie gab nicht nur die Choreografien vor, bei den Teppichen wählte sie allein die Stoffe aus, stellte die Motive zusammen, fixierte sie mit Stecknadeln. Das „Flicken“ überließ sie ihren Tänzern, das kann man nun werten wie man möchte. Bis zu ihrem Tod 2007 arbeitete sie zurückgezogen in diesem Haus mit denselben Leuten. Heute befindet sich dort der Nachlass. (neugerriemschneider, Linienstr. 155. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 6. April)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien