Theater

Von Sophie Rois lässt man sich gern erschießen

Volksbühne: Frank Castorf inszeniert Tschechows Erzählung „Das Duell“. In der letzten Stunde ging der Regie die Luft aus

Gleich am Anfang richtig großes Kino: Der schöne Charakterkopf von Sophie Rois auf der Riesen-LED-Wand, einen Wutausbruch schleudernd. Über den Frust mit dem moralischen Gesetz und seinen Verkehrungen; über die Not mit der Nächstenliebe, der die Eigenliebe im Weg steht; über das Saus-und-Braus-Dasein auf Pump mit Sex, Drogen, Trallala, das die schmarotzerischen Schwächlinge letztlich ins Feuer der coolen Machos im Überlebenskampf treibt. „Alles Bullschit, euer Gequatsche vom Sozialdarwinismus“, schreit sie und feuert kaltblütig mit der Kalaschnikow ins verdatterte Publikum der Volksbühne.

Der Exzess, auch eine längst weithin erprobte Lösung im Krieg um die „wahre“ Weltanschauung; freilich keine wirklich wirksame im ewigen Ringen um Weltverbesserung. – Aber wie geht das nun, Gesellschafts- und also Menschenverbesserung: Mit Moral, Religion, Stärke, Schwäche, Waffen, Worten, Auslese, mit Wissenschaft, Indoktrination oder gar Liebe?

Das sind so die Probleme, die da auf einer Datsche im Kaukasus unentwegt gewälzt werden auf den 135 Druckseiten der Erzählung „Das Duell“ (1891) von Anton Tschechow sowie in der Inszenierung von Frank Castorf; vornehmlich zwischen zwei Leuten: dem mit seiner anderweitig verheirateten Liebschaft Nadja (Lilith Stangenberg) aus Petersburg getürmten Lebemann Lajewski (Sophie Rois) sowie dem Zoologen Koren (Silvia Rieger).

Also das große zerfetzende Tschechow-Gequatsche übers Gemenschel (Ehe, Liebe, Lügen, Geld) sowie übers Menschheitliche (Verantwortung, Gerechtigkeit, Glauben, Wissen). Wobei in den rhetorischen Duellen übers zivilisatorische Fortschreiten in Richtung „bessere Gesellschaft“ schon Tschechow hellsichtig die finstere Zukunft des ideologischen Terrors, der Menschen-Auslese (die Nützlichen), der Lager und Vernichtung (die Unnützen) vorwegnimmt. Was bei Tschechow allerdings noch den fein ätzenden Geschmack des verlottert- und versauten Klugscheißervereins hat, geschieht bei Regisseur Castorf in der ruinösen Daseinsgosse als hoch gefährliches Gemisch aus heiß rasendem Verzweiflungsirrsinn und eisig dozierten Ausmerzungsfantasien. Es geschieht aber auch in betörender Schönheit. Dafür steht schon das Bühnenbild von Aleksandar Denic. Ein postkartenherrlicher Datschenkomplex aus vernagelten Kistenbrettern mit LED-Wand für die Videos von drinnen (immer gezoomt, immer Großaufnahme).

„Das Duell“ von Castorf nach (!) Tschechow ist ein wüst blubbernder, gar komischer und zugleich ein entsetzlich glasklarer Diskurs über Sinn und Wahnsinn von Gedanken und Taten zum Zwecke des Fortschritts, die gelegentlich zu Revolutionen ausarten. Super Thema! Und zumindest bis zur Pause super Theater! Castorf, der so unverwüstlich sarkastische Romantiker ganz auf der Höhe seiner Kunst: überwältigende Stimmungsmalerei mit Musikeinsatz aller Arten in einer kreiselnden Irrsinns-Arena der terroristischen Menschenspiele um Macht und Ideen. Das zwischen Sentimentalität, Sex, Rausch und Ernüchterung schwankende Getriebenen-Kollektiv ist der lebenspralle Daseinsgrund, in den sich die zivilisationskritischen („Kultur schwächt Auslese“) und fortschrittsverrückten Debatten betten („Verbesserung der menschlichen Rasse“). Dabei schöpft die Regie virtuos aus dem prallen Fundus theatralischer Mittel. Alles ist drin von Klamotte bis Tragödie. Dazu pfiffige Spiele mit Schnipseln der Weltliteratur, der Wissenschaftsgeschichte, der Biografie des Regisseurs.

Atemberaubend, natürlich machbar nur mit hinreißenden Spielern. Da sind die Rois als bohèmehafter Schwerenöter (Castorfsches Selbstporträt) und die Rieger als eiskalt mephistophelisch-faschistoider Sozialdarwinist; die beiden Antipoden und jeweils gleich Durchgeknallten. Dazu Kathrin Angerer als in Religion wenig sattelfester Diakon Pobedow, Kathrin Wehlisch als verzweifelt geiler Kirilin, Bärbel Bolle als den ganzen Sinnsucheverein tröstende Köchin und Hermann Beyer als altväterlicher Arzt („Zum Teufel mit der Zivilisation, die Menschen aufhängt.“) – der einzige Mann im Frauenensemble.

In der letzten Stunde ging der Regie die Luft aus. Doch immerhin: In 180 Minuten erlebten wir mit elend großartigen Menschengeschichten voller Wahn und Qual ein so hochtouriges wie gallig komisches, tief trauriges Theaterglück.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 30.3.; 5., 13.4. Tel.240 65 777