Theater-Kritik

Verzweifelter Kampf um ein Fitzelchen bürgerlicher Restwürde

Andreas Kriegenburg inszeniert fünf Einakter von Courteline

Das Bürgertum ist eine belagerte Festung. Oder eher ein schicker Bunker, dessen Tor die letzten Bourgeois mit Maschinenpistolen verteidigen müssen. Der anonyme menschliche Trash da draußen bewirft sie aus der Dunkelheit mit einer ihm gemäßen Waffe: Müllsäcken. Wenn die Türen in einer Kampfpause mal geschlossen sind, rüsten sich die Bürger mit kulturkritischen Aphorismen auf. Ihre Individualität betonen sie nicht nur intellektuell. In Andreas Kriegenburgs Inszenierung „Sklaven“ hat ihnen die Kostümbildnerin Andrea Schraad Kleider auf den Leib geschneidert, die aussehen wie diejenigen, die Jean Paul Gaultier für Luc Bessons Science-Fiction-Klassiker „Das fünfte Element“ entworfen hat. Oder wie die Verkleidung einer Gang von Superhelden. Und Superhelden müssen sie sein, um ihr letztes Reservat zu verteidigen. Der absurde Glamour ihrer Kostüme ist nur eine dekadente Panikblüte. Innen im Bunker prangt an der Wand schon unübersehbar als Menetekel das riesige Graffiti-Bild eines vermummten Molotowcocktailwerfers.

Als der Franzose Georges Courteline (1859-1929) seine oft schon die Grenze zum absurden Theater streifenden Stücke schrieb, war der Bürger noch die dominierende gesellschaftliche Daseinsform. Einer, der sein ganzes Leben mit einer Frau verheiratet ist, der Krawatte und Hut trägt und sich stets im Einklang fühlt mit Staat, Kirche und Kapital. Heute will keiner mehr konform sein, sondern alle mühen sich um Individualität – und sind gerade darin konformer als jeder Hutträger auf einem Magritte-Gemälde. Sie sind Sklaven ihres Ich-Behauptungstriebs geworden.

Das ist die etwas plakative Botschaft, die Kriegenburgs Inszenierung der fünf Einakter in den Kammerspielen des Deutschen Theaters verkündet. Der irre Glaube an die eigene Individualität ist die Gemeinsamkeit zwischen der Bürgerwelt vor 100 Jahren und unserem post-bürgerlichen Zeitalter, die der Regisseur annimmt und mit der er hofft, den gewaltigen Riss zu verkleistern, der uns von Courtelines Charakteren trennt.

Das gelingt nur teilweise. Aber man sieht den Figuren doch gern bei ihrem verzweifelten Kampf um ihr Fitzelchen bürgerliche Restwürde zu. Sie mögen Erpresser, eifersüchtige Gockel, hirnrissige Bürokraten oder mondäne Schlampen sein, sie sind doch Pariser – Geschöpfe einer Zeit, als diese Stadt die aufregendste der Welt war. Sie tragen ihre Dummheiten und Gemeinheiten geschliffener vor als in deutschen Theaterstücken die größten Weisheiten ausgesprochen werden.

Legt man diese Sätze tollen Schauspielern in den Mund – und daran hat es im Ensemble zu dem unter anderm die treuen Kriegenburg-Gefährten Natali Selig und Hans Löw gehören – keinen Mangel, dann gelten sie als unzerstörbar, egal was sich Regisseure als Drumherum ausgedacht haben. Aber dass man auch Courteline unlustig spielen kann, hat ja Andrea Breth vor zwei Jahren mit ihrer zwar in Wien bejubelten, aber beim Berliner Gastspiel begähnten Komödiengymnastik „Zwischenfälle“ bewiesen.

Diesen Tod stirbt „Sklaven“ nicht. Es ächzt zwar unter dem übergestülpten Konzept, aber es bricht nicht zusammen. Manchmal wird der Kontrast zwischen der grotesken Comicdekadenz der Kostüme und der eigentlich ganz altmodisch vordekadenten Sturzbügerlichkeit der Charaktere sogar ausgesprochen fruchtbar.

Deutsches Theater/Kammerspiele, Schumannstraße13a, Mitte. Termine: 3., 18. und 20. April. Tel. 284 41-225.