Religion

Wann ist eigentlich Ostern?

Schon Luther bespöttelte Ostern als das „Schaukelfest“. Bis heute bleibt ein fester Termin ein frommer Wunsch

Am 30. September 1930 forderte die Industrie- und Handelskammer Köln ihre Mitglieder zu einer Stellungnahme auf. Es ging um die damals weltweit geführte Diskussion um eine Kalenderreform, die (nach verschiedenen Modellen) erstens das Jahr in gleichmäßig wiederkehrende Wochen und Monate gliedern und zweitens das Osterfest auf einen festen Termin legen sollte. Unter dem Rücklauf der Befragung befindet sich auch ein Brief der Firma Stollwerck. Die Geschäftsleitung des Schokoladenherstellers hielt die Reform „aus Gründen statistischer Gegenüberstellungen“ für „sehr notwendig“. „Begrüßt“ wird auch die Festlegung von Ostern. All dies freilich bei „lebhaften Zweifeln“ daran, dass sich die „Kurie“ einverstanden erklären werde.

Wir wissen es natürlich: Die Reform kam nicht. Aber der Briefschreiber irrte sich in den Gründen. Es lag nicht an der „Kurie“, auch nicht an der des Jahres 1930. Ganz im Gegenteil: Schon länger hatten die Päpste Zustimmung, ja Interesse signalisiert. Der feste Ostertermin spielt dabei beinahe die Rolle eines Jokers. Denn man wollte bei der Kalenderreform das christliche Jahr retten. Das ohnehin seit vielen Jahrhunderten umstrittene „Schaukelfest“ sollte geopfert werden, um zum Beispiel eine unbiblische Fünftagewoche zu verhindern.

Seit wann gab es diese ebenso aufgeregte wie heute völlig vergessene Diskussion? 1895 hatte Wilhelm Förster, Direktor der Berliner Sternwarte und Präsident des Internationalen Komitees für Maße und Gewichte, den Vorschlag gemacht, Ostern auf den Sonntag nach dem 4. April zu fixieren. Dieser Tag lag ungefähr in der Mitte zwischen dem 22. März und 25. April als den bislang gewohnten Eckdaten. Denn Ostern geht auf das Passahfest der Juden zurück, das auf den ersten Frühlingsvollmond datiert. Im mehrtägigen Verlauf dieses Festes war nach der Bibel Jesus Christus gestorben und auferstanden.

Vier Evangelisten, vier Daten

Nehmen wir uns die Zeit, um eine kleine Komplikation zu klären. Die vier Evangelien nämlich, die die Ereignisse in allen Einzelheiten berichten, weichen ausgerechnet im Verlauf voneinander ab. Nach Matthäus, Markus und Lukas starb Christus am Hauptfesttag (dem Mazzotfest). Nach Johannes starb er dagegen am Tag zuvor (dem Sederabend). In beiden Fällen war es ein Freitag, aber nur Johannes verlegt diesen Freitag auf die Zeit, in der die Juden die Ankunft des Messias erwarteten (und dabei ihre Lämmer schlachteten). Natürlich verband Johannes damit die Vorstellung, dass in „dieser Nacht“ tatsächlich der Messias „erschienen“ war bzw. sein Erlösungswerk vollendet.

Die so entscheidende Nacht war dabei nicht zufällig eine Vollmondnacht gewesen. Es handelte sich nämlich um ein Wallfahrtsfest, zu dem Juden aus der ganzen Region nach Jerusalem kamen – aus klimatischen Gründen gerne nachts bei entsprechender „Beleuchtung“. Die Nacht der Nächte, die Nacht der erwarteten Ankunft des Messias, wurde bei den Christen dann die Nacht der erfüllten Erlösung. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten folgte man noch der jüdischen und damit lunaren Datierung. Aber das christliche Ostern war kein Wallfahrtsfest mehr. Und tatsächlich finden sich von früh an auch solare Feiern, in Gallien zum Beispiel am 25. März. Das wichtige Konzil von Nizäa im Jahre 325 gab allerdings der lunaren Datierung den Vorzug.

Auch die Christen mussten also rechnen, um am „richtigen“ Termin zu feiern. Dies war das Werk der sogenannten „Komputisten“. Weil in den dabei angefertigten mehrhundertjährigen Zyklen unterschiedliche Vorstellungen über die Tagundnachtgleiche herrschten und überhaupt die astronomischen Kenntnisse unterentwickelt waren, kam es ständig zu konkurrierenden Terminen. Nicht erst Luther mokierte sich darüber, und von ihm stammt der polemische Begriff des „Schaukelfestes“. Vor dem Hintergrund muss man den Vorschlag von Förster sehen. Als sich astronomische Experten daraufhin hilfesuchend an den Papst wandten, erfolgte sofort die Zusicherung wohlwollender Prüfung, am besten auf einem Konzil. 1902 machte der Ökumenische Patriarch Joachim III. von Konstantinopel die Fixierung sogar zum Ansatzpunkt einer Einigung der Christenheit.

Dann kam das Jahr 1923. Die weltweite Industriegesellschaft hatte auf vielen Gebieten Vereinheitlichungen bzw. Vereinfachungen durchgesetzt, zum Beispiel bei den Eisenbahnspurbreiten oder dem Postwesen. Nun erschien auch der Kalender als ein Überbleibsel mittelalterlichen Wildwuchses. Auf höchster Ebene schritt man zur Reform und gründete eine Kalenderkommission beim Völkerbund. Gleichzeitig gaben Kreise der orthodoxen Kirche ihren Widerstand gegen den gregorianischen Kalender auf, der sich mittlerweile weltweit durchgesetzt hatte. Während die Politiker sich eher in den verschiedenen Varianten eines reformierten Kalenders verhedderten, spaltete sich die orthodoxe Christenheit – die Mönche vom Berg Athos wurden zu „Altkalendariern“. Ein fixiertes Osterfest wäre akzeptiert worden, nicht aber eines nach dem gregorianischen Kalender.

Entscheidung für den Mond

Im Zweiten Weltkrieg erfolgte eine Unterbrechung der Diskussion. Nach der Gründung der UNO kam es zur Wiederaufnahme, allerdings schon 1956 zum Abbruch mit einer Vertagung „ohne neuen Termin“. Dafür ergriff Rom die Initiative. Das Zweite Vatikanische Konzil äußerte sich 1963 explizit zur Kalenderfrage – mit Bereitschaft zur solaren Datierung von Ostern. Auch im Weltrat der Kirchen wurde das Problem 1956–1967 mit dem Ziel einer Fixierung behandelt. Noch 1975 korrespondierte Papst Paul VI. mit dem Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. über die Probleme und schlug vor, Ostern auf den zweiten Sonntag im April festzulegen. Danach erlahmte der Schwung. Als der Weltrat der Kirchen 1975 in Nairobi tagte, sprach man sich wohl resigniert oder frustriert für die Beibehaltung der Beschlüsse von Nizäa, also für den lunaren Termin aus. 1982 folgte das endgültige Nein zu jedweder Änderung von den Athos-Klöstern. Bei den weiteren Beratungen des Weltrats der Kirchen fand die Osterfrage ein immer geringeres Interesse. Der letzte Akt der Diskussion folgte 1997 und markierte nichts anderes als den Status quo. Der Ort dieses Treffens könnte symbolischer nicht sein. Es war das heute völlig zerstörte Aleppo in Syrien.

In diesem Jahr fällt Ostern auf den 31., das Passahfest auf den 26. März. Das „Schaukelfest“ ist also noch da. Fast kann man sich die Sorgen der Beteiligten von 1930 nicht einmal mehr vorstellen. Man wollte Ostern fixieren, um klare Quartale für die Abrechnungen zu erhalten. Man glaubte, die Wirtschaft brauche Einheitlichkeit. In Wahrheit resultierte der Umschwung wohl aus der Art der Berechnung. Die mittelalterliche Komputistik war schwierig gewesen, die Befreiung von ihr verlockend. Dann kam der Computer ins Spiel. Er machte das schwankende Osterfest samt unterschiedlichen Quartalen zum banalen Rechenspielchen. Vergleichende Statistiken beim Schokoladenverkauf sind heute schlicht problemlos. Bei Stollwerck dachte man noch, die Kurie mit ihrer „altmodischen“ Theologie werde sich um die Sorgen der Wirtschaft nicht kümmern. Doch die Kurie hatte beim Osterfest andere Sorgen, und die der Wirtschaft sollten sich in Luft auflösen.

Der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert, geboren 1943, veröffentlichte das Buch „Alle unsere Feste. Ihre Herkunft und Bedeutung“ (2007)