Interview

„Das Theater ist immer nur so gut wie sein Publikum“

Franz Rogowski will, dass die Zuschauer über den Handlungsverlauf mitentscheiden. Er spielt im Radialsystem die Hauptrolle in „Votre Faust“

Der Zuschauer findet sich mit zwölf Musikern, einem Sängerquartett und fünf Schauspielern auf einem Jahrmarkt wieder, einem Ort der Unterhaltung und zugleich der Demokratie. Während der Aufführung gibt es vier Publikumsbefragungen mit insgesamt 14 Entscheidungsmöglichkeiten, wie die Handlung weiter gehen soll, weswegen das Ensemble eigentlich drei Stücke proben muss. Am Sonnabend hat „Votre Faust“, ein Werk des belgischen Komponisten Henri Pousseur und des französischen Schriftstellers Michel Butor, Premiere im Radialsystem V. Manuel Opitz hat mit dem 27-jährigen Hauptdarsteller Franz Rogowski über das Stück, zu höfliche Zuschauer und Chaos auf der Bühne gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Rogowski, Sie sind in „Votre Faust“ in der Rolle des jungen Komponisten Henri zu sehen. Worum geht es in der Oper?

Franz Rogowski:

Henri hält Vorträge über Musik und ist eigentlich erfolgreich, aber mit seinem Dasein als herumreisender Gastdozent unzufrieden. Er trifft auf einen Theaterdirektor, der ihm ein großes Angebot macht. Und zwar, dass er eine Oper schreiben soll. Er bekommt alle Zeit, die er braucht, alles Geld, das er braucht. Er hat alle Freiheiten. Die einzige Bedingung, die er stellt ist, dass es ein Faust sein muss. Und an dieser Bedingung geht er zugrunde.

Obwohl er doch so viele Freiheiten hat?

Wenn man machen kann, was man will, ist es schwierig, die Freiheit zu schätzen. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir vor unglaublich viele Optionen gestellt werden und das wird uns als die große Freiheit verkauft: Du kannst alles machen, aber du musst dich immer für etwas entscheiden. Ich glaube, ab einer bestimmten Anzahl von Optionen fällt es den Menschen schwer, das Gefühl zu haben: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. So geht es auch Faust.

Spielt Liebe in dem Stück auch eine Rolle?

Natürlich, Henri verliebt sich. Und seine Liebe ist nicht wirklich förderlich für die Arbeit. Die Geschichte ist sehr, sehr banal. Für mich geht es auch gar nicht so sehr darum, was mit Faust passiert.

Sondern?

Das Stück ist so konzipiert, dass das Publikum an mehreren Stellen direkt auf den Handlungsverlauf Einfluss nehmen kann. Es kann sich zum Beispiel für die Liebe und gegen Henris Stück entscheiden und letztendlich sein Schicksal bestimmen. Was in den Vordergrund rückt, ist die Idee einer demokratisch orientierten Oper.

Das klingt politisch.

Ist es auch. Henri Pousseur und Michel Butor haben das Stück mit einem politischen Grundgedanken konzipiert: Sie wollten das Theater verändern, das davon geprägt war, dass dem Publikum etwas gezeigt wird, ruhig ist und am Ende klatscht. Sie wollten hin zu einem Theater, in dem es ein Wechselspiel gibt. Ein mündiges Publikum, das den Verlauf mitgestaltet, wird Teil des eigentlichen Events. Sich selbst als Teil des großen Events wahrzunehmen, ist auch Grundlage für politische Mündigkeit.

Doch „Votre Faust“ war, als das Stück 1969 uraufgeführt wurde, nicht gerade ein Erfolg?

Weil niemand vom Publikum sich dazu berufen gefühlt hat, zu interagieren.

Warum sollte sich das jetzt geändert haben?

Das ist das Wagnis, das wir alle eingehen. Keiner weiß, ob es diesmal funktioniert. Wir möchten natürlich, dass das Publikum interagiert.

Und wenn nicht?

Dann gibt es einen einzigen Handlungsverlauf. Und wenn die Zuschauer dessen überdrüssig sind, weil alles so positiv verläuft, dann werden sie interagieren wollen. Sie können auch buhen, wenn sie sich einen anderen Verlauf wünschen.

Normalerweise wollen Regisseure und Darsteller in der Oper keine Buhs.

Ich finde, das Publikum sollte ruhig öfter buhen. Es gibt sehr stille Abende, bei denen höflich geklatscht wird, und eigentlich haben die Leute das Stück schon vergessen, wenn sie rausgehen. Da wäre ein gesundes Buhen wesentlich konstruktiver für die Theaterlandschaft. Das Theater ist nur so gut wie sein Publikum. Buhen Sie, wann immer Ihnen ein Theater nicht gefällt.

Wurden Sie schon mal ausgebuht?

Nein, aber das kann ja noch werden.

Außer dass die Zuschauer über die Handlung mitbestimmen, gibt es in „Votre Faust“ noch einige Besonderheiten.

Das Orchester ist wie auch wir Darsteller Teil des Bühnenbildes. Das Bühnenbild interagiert, es gibt autonome Objekte, die sich bewegen können. Es gibt schauspielerische Einlagen der Musiker, es gibt musikalische Interaktionen der Schauspieler mit den Musikern. Der Dirigent wird dirigiert. Mehrere Ebenen überlagern sich, manchmal erscheint alles im Chaos zu versinken, obwohl alles sehr genau konzipiert wurde.

Was glauben Sie, warum Sie die Rolle bekommen haben?

Ich kann nicht genau sagen, warum die Koregisseurin Aliénor Dauchez mich ausgewählt hat. Es ist so: Ich wollte Tänzer werden und ich habe einen krummen Rücken, ein Knieproblem, ein Bandscheibenproblem. Ich wollte Schauspieler werden und habe einen Sprachfehler. Ich wollte Musiker werden und höre auf dem linken Ohr nur 10 Prozent, rechts bin ich taub. Das sind Konflikte zwischen: Wer bin ich und wer möchte ich sein. Vielleicht hat Aliénor das gesehen und gedacht: „Ja, der Franz hat einige faustische Probleme.“