Klassik

Rolando Villazóns Rückkehr

Der lustige Startenor wird in Daniel Barenboims Orchesterkonzert bei den Festtagen gefeiert

Der Anfang der Festtage machte sofort mehr Appetit: auf den Jubilar Giuseppe Verdi, auf Stardirigent Daniel Barenboim, auf seine Staatskapelle. Sie schmetterte die Ouvertüre zur „Sizilianischen Vesper“ mit einem derart hochdramatischen Furor hin, dass man sich lange im Voraus schon auf das angekündigte Schlussstück des Abends zu freuen begann: Strawinskys „Sacre du printemps“, auch hundert Jahre nach seiner Uraufführung nach wie vor der herausforderndste musikalische Halbstünder der Moderne.

Doch zuvor ging es schon aufregend genug zu. Rolando Villazón, der lustige, mitreißende Supertenor, lange bittere Jahre abgetaucht in eine Stimmkrise, ist glücklicherweise aus ihr wieder voll und ganz aufgetaucht. Er sah sich in der Philharmonie gefeiert. Auch er servierte Verdi, aber leider nicht den der Oper und auch die vorgetragenen Romanzen nicht im Original, sondern diese Stücke aus den Anfangsjahren des jungen Maestro, bis zur „Giovanna d’Arco“ hinauf, als Huldigung an den Altmeister musikalisch neu eingerichtet von Luciano Berio. Villazón servierte vier von ihnen aufs hinreißendste ausgespielt.

Romanzen mag man diese Stücke gar nicht nennen, so sehr legen sie sich musikdramatisch ins Zeug. Es sind durch die Bank tragisch verseuchte, gegen ihr Schicksal attackierende Stücke: sozusagen Kurzopern von herausfordernder Gewalt wie für die große Bühne. Man wurde weder des Zuhörens noch des Zusehens müde. Sie verlangen Gestaltungslust und Gestaltungskunst und beides wusste Villazón nicht nur aus der Lunge, sondern derart aus dem Handgelenk zu schütteln, dass sich der Saal geradezu vor Begeisterung überschlug und nach Zugaben lechzte. Die ließen auch nicht lange auf sich warten. Barenboim setzte sich ans Klavier und schon ging das Singen des gefeierten Tenors weiter. Es kam geradezu zur Wiedergeburt eines schon vor geraumer Zeit abgeschriebenen Großtalents. Villazón ist selbst im Konzertsaal dahin zurückgekehrt, wohin er gehört: auf die Bühne. Überdies wird er in weiteren Konzerten der Staatskapelle zu bewundern sein.

Es gibt ein heimliches, eher schon unheimliches Gesetz für hervorragende Dirigenten, sich einmal wenigstens mit Strawinskys herausforderndem „Sacre du printemps“ in die Nesseln zu setzen. Herbert von Karajan hatte sich diese Chance nicht entgehen lassen. Daniel Barenboim tat es ihm nun unüberhörbar gleich. Einen Triumph mochte man das für beide nicht nennen: nicht für Strawinsky, aber auch für Barenboim nicht, obwohl die Staatskapelle ihm schier überschwänglich zur Seite stand. Manchmal kommt eben selbst der gute Gestaltungswille ein bisschen zu knallig daher.

Es gehört eine außerordentliche dirigentische Kunstfertigkeit dazu, der Ballettmusik habhaft zu werden. Die aber war (trotz Furtwängler) während der Nazi- und der Kriegsjahre weitgehend verloren gegangen. Sir Simon Rattle hat gerade erst in Berlin nachgewiesen, dass sich die „Sacre“-Kunst lernen lässt und hat das wunderbare Experiment sogar für Zeit und Ewigkeit auf einer frischen Schallplatte mit den Philharmonikern festgehalten. Barenboim, zur Zeit offenbar kränkelnd und nebenher überbeschäftigt, hat offenbar noch nicht die Zeit gefunden, sich mit diesen jüngsten Entwicklungen der Interpretation vertraut zu machen.