Rezension

Rätsel in der Komischen Oper

Recht undurchschaubar, aber überaus stilvoll hat Reinhard von der Thannen „Hänsel und Gretel“ inszeniert

Darum, Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ dirigieren zu dürfen, haben sich viele der Besten gerissen. Das Rennen machte am Ende Richard Strauss. Er dirigierte die Uraufführung in Weimar. In der Komischen Oper hat nun Kristiina Poska sehr energisch die Stabführung übernommen. Man konnte gelegentlich meinen, man hätte ihr lieber einen Wagner überlassen sollen. Sie besitzt Pathos, Schlagkraft, Wachheit. Nur mit der Lyrik steht sie leider noch auf Kriegsfuß – wie übrigens auch Reinhard von der Thannen, der stilsichere Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Er besitzt deutlich ein gutes Händchen für fast alles. Nur leider ausgerechnet für Humperdincks kindhaftes Märchenspiel nicht. Der schrieb mit „Hänsel und Gretel“ kein Stück für ein Warenhausfenster, etwa das KaDeWe, sondern für eine ganz normale Familie mit neugierigen Kindern.

Ein paar Dutzend von ihnen ließen sich auch in der Komischen Oper von Vater oder Mutter abknuddeln. Das „Märchenspiel“ aber, das ihnen Humperdinck versprochen hatte, kam über weite Strecken geradezu vereist daher, der frostigen Jahreszeit also durchaus angemessen. Die Aufführung, reich mit bunten Projektionen bespickt, glänzte in weißer Schönheit mit weitgehender Rätselhaftigkeit.

Kaum ein Wort war verständlich

Bis zur Pause durfte man beinahe glauben, im falschen Musikfilm zu sitzen. Die Hauptrolle spielte die Undurchschaubarkeit und die Unverständlichkeit. Kaum ein einziges Wort auf der Bühne war zu verstehen. Da zahlte sich der Einbau der Mitlesevorrichtung in den Rücklehnen der Parkettsessel endlich einmal tüchtig aus; vorausgesetzt natürlich, die Kinder im Publikum waren des Lesens schon fähig gewesen. So niedlich sie waren, sie sahen nicht danach aus.

Von der Thannen hatte eine stilvolle, beinahe schon eine überstilvolle Inszenierung auf die Bühne gestellt. Sie war sozusagen schön und verschwiegen. Sie hielt sich bis auf die irrlichternden Projektionen aus dem Geschehen heraus. Sie glich im Grunde einer Schneelandschaft mit einem Tisch und zwei Stühlen. Von dem Schrank im Hintergrund einmal zu schweigen. Das Auge konnte sich ausgiebig an wenig bis nichts laben.

Gott sei Dank führte der Weg der Kinder in die Arme der Knusperhexe Ursula Hesse von den Steinen, die ihre wohllautende Körperlichkeit unter einer gigantischen Perücke auf dem Dach ihres Knusperhäuschens tanzend hin und her wiegen konnte: eine singende Ballerina auf Opernurlaub sozusagen. Natürlich hatte sie schon Dutzende von Kindern trickreich gefangen und sie einen Chor bilden lassen, der anfangs schneeweiß in Erscheinung trat, sich alsbald aber lustig und kunterbunt präsentierte.

An Unterhaltsamkeit nahm die Aufführung gegen den Schluss hin einigermaßen zu. Sie gab sich außerdem stilistisch todsicher, der Gegenwärtigkeit ohne Abstrich verschworen. Man konnte von ihrer dekorativen Vorzüglichkeit durchaus lernen, wie man es nicht machen darf, will man sein Publikum nicht verlieren. Auf das Publikum aber kommt es wohl neuerdings am wenigsten an. Das können Jungen und Mädchen zumindest an dieser Aufführung lernen. Sie applaudierten fleißig.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47 99 74 00. Termine: 27. und 31. März; 4., 6., 10., 11., 14. und 19. April.