Interview

„Manchmal ist gute Kunst gefährlich“

Startenor Rolando Villazón ist ruhiger geworden. Sagt er zumindest. In Berlin tritt er jetzt gleich mehrmals auf

Rolando Villazón kann so wunderbar lachen, auch über sich selbst. Auf seiner Homepage hat der mexikanische Star-Tenor seine selbst gezeichneten Karikaturen untergebracht. Sie zeigen ihn mal in großer, mal in clownesker Pose. Auf der Opernbühne ist Villazón berühmt als Liebhabertyp, als Verführer voller Leidenschaft. Er sei schon ruhiger geworden, sagt er im Gespräch. Der Sänger hat, nach einer Stimmkrise 2009, den Weg zurück auf die Bühne gefunden. Jetzt ist er in Berlin gleich mehrfach zu erleben. Volker Blech hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Villazón, einen Operntenor muss man in dem doppelten Jubiläumsjahr zuerst danach fragen: Lieber Verdi oder Wagner?

Rolando Villazón:

Es sind zwei fantastische Komponisten, aber für mich als Sänger ist natürlich Verdi wichtiger. Ich habe nur zwei kleine Wagner-Rollen am Anfang meiner Karriere gesungen. Von Verdi habe ich dagegen viele Opern gesungen, gerade mache ich wieder den Alfredo in „La Traviata“.

Welche der vielen Opernfiguren, die Sie gesungen haben, steht Ihnen menschlich oder als Typ am nächsten?

Ich empfinde eine große Nähe zu Don Carlo. Er ist nicht einfach zu spielen. Er ist ein Antiheld, er versucht, Dinge zu bewegen. Große Opernpartien darf man nie mit Klischees erarbeiten, sie sollten immer gemeinsam mit Dirigenten und Regisseuren erwachen. Ich versuche grundsätzlich nicht, Rollen zu definieren. Bei Verdi braucht ein Sänger vor allem die technische Intelligenz und darüber hinaus sind die Handlungen dramatisch sehr komplex. Und natürlich voller Emotionen. Verdi spricht immer direkt von den Gefühlen der Handelnden, deswegen wirkt er auch so modern. Ich glaube, das Publikum fühlt bei Verdi mehr als bei Wagner.

Den Tenören gehören oft die Liebhaberrollen. Es heißt, der Tenor muss immer auch ein bisschen in seine Bühnenpartnerin verliebt sein, sonst funktioniert die ganze Oper nicht. Stimmt das?

(lacht) Nein, aber man muss die Kunst und die Partnerin als Künstlerin lieben. Es kommt manchmal vor, dass man mit Kolleginnen arbeitet, wo die Chemie nicht stimmt. Als Menschen hat man sich hinter der Bühne wenig zu sagen und trotzdem kann es auf der Bühne fantastisch sein.

Bei Daniel Barenboims Festtagen treten Sie jetzt dreimal auf. Wie wichtig ist Berlin in Ihrer Karriere?

Die Staatsoper Unter den Linden war eines der ersten Theater in meiner Karriere. Das erste Mal war ich hier im Jahr 2000. Und aufgeführt wurde – Verdi. Es war eine „Macbeth“-Produktion vom damaligen Intendanten Peter Mussbach. Meine Freundschaft mit Maestro Barenboim spielt eine große Rolle. Ich liebe es, in Berlin zu sein, auch in der Philharmonie, im Konzerthaus, ich habe hier Fernsehen gemacht. Ich habe außerdem in der Deutschen Oper gesungen und werde es künftig tun. Berlin kann alles an Energie geben, was eine Metropole ausmacht, und hat zugleich die Geborgenheit eines Dorfes.

In der Stadt sind Sie sehr bekannt. Werden Sie auf der Straße oft angesprochen?

Ja, und die Leute sind immer sehr freundlich und anständig. Aber ich kann hier auch privat sein.

Wo werden Sie am meisten erkannt?

In Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien. Und auch in Großbritannien, nachdem ich dort in einer TV-Reality-Show mitgemacht hatte.

Stardirigent Daniel Barenboim hat Sie von Karrierebeginn an gefördert. Können Sie sich noch an einen seiner Ratschläge erinnern?

Ja, an einen sehr wichtigen. Er hat mir gesagt, Du wirst berühmt werden. Aber Berühmtheit ist nicht dazu da, eitel in den Spiegel zu schauen, sondern sie verhilft einem zur künstlerischen Freiheit. Das habe ich mir zu Herzen genommen. Wenn man berühmt ist, kann man mehr Risiken eingehen, ein neues Repertoire oder auch andere Dinge ausprobieren. Ich habe ein Buch geschrieben, mache meine Inszenierungen, ich zeichne gerne Karikaturen. Irgendwie wird man immer angenommen mit dem, was man tut. Und man kann damit auch viel Gutes tun. Ich gehe beispielsweise mit Roten Nasen hier in Berlin als Clowndoctor in die Krankenhäuser, um Kindern etwas Freude zu bringen.

Werden Sie in Berlin auch einmal Oper inszenieren?

Ja, es gibt ein Projekt in zwei Jahren, aber das lasse ich dann das Opernhaus verraten.

Sie sind der Künstler, der bislang mit einer Stimmkrise am offensivsten umgegangen ist. Das war vor vier Jahren. Was haben Sie dabei gelernt?

Nach der Operation wusste ich, dass ich unbedingt singen wollte. Auf welchem Niveau, war mir völlig egal, Hauptsache singen. Man muss wissen: Meine Kindheit war nicht immer einfach. Das Singen gab mir immer einen Platz, an dem ich frei sein, in andere Realitäten eintauchen konnte. Plötzlich wurde diese Zyste auf meinen Stimmbändern entdeckt, sie war genetisch bedingt, und 15 Doktoren sagten, da sei nichts mehr zu machen, und die Operation hätte mich meine Sprechstimme kosten können. Ich empfinde es als Geschenk, dass ich noch einmal eine Chance bekommen habe. Ich erinnere mich genau an den Tag, als ich meinen Kindern wieder ein Wiegenlied vorsingen konnte. Da wusste ich, ich habe es geschafft. Aber Singen ist für mich kein Hobby, sondern ein echter Beruf. Sicherlich singe ich heute weniger als vor fünf Jahren, etwa 50 Vorstellungen und Konzerte. Dazu kommen die anderen Projekte.

Wie fühlt sich Ihre Stimme gegenwärtig an?

Beim Singen fühle ich viel Kraft und viel Freude. Aber ich muss zwischendurch durchatmen und mich konzentrieren, um meine Ängste zu überwinden. Dagegen muss ich ankämpfen. Aber das ist okay.

Aus dem Rollenalter des jugendlichen Liebhabers sind Sie langsam raus. Sind Sie auch vom Temperament her ruhiger geworden?

41 ist nicht dasselbe wie 30. Das sagt einem schon der Körper. Aber für mich gibt es nur einen Weg, Künstler zu sein. Und die Leidenschaft gehört einfach dazu. Aber man darf nicht immer nur den Tiger rauslassen. Irgendwann muss das Gehirn nachschauen, was der Tiger da so macht. Manchmal ist gute Kunst gefährlich.

Festtage Berlin/Philharmonie: Rolando Villazon singt Verdi-Lieder im Konzert der Staatskapelle heute und am 1.4. Mozarts „Requiem“. Konzerthaus: In den Abo-Konzerten der Staatskapelle am 8. und 9.4. singt er zwei Mozart-Arien und Carter-Lieder. Philharmonie: Beim Gastspiel des Tschechischen National-Symphonieorchester am 5.5. singt er Verdi.